Montag, 29. April 2019

Der Name als Last

Er hat Schuld
(Nein, hat er eben nicht!)
Ging das noch als nachlässige Unbesonnenheit durch – oder war es nicht vielmehr ein Zeichen unergründlichen Humors seiner Eltern; man kann es heute nicht mehr sagen. Wer will da spekulieren, bringt ja nichts, der Familienname Schult stand schließlich. Aber er war letztlich nicht das neunte Kind oder so: er war und blieb Einzelkind, und dennoch brachten sie es fertig, ihn auf den Namen Erhard taufen zu lassen. Erst viel später vermochte er sich das Grinsen bei der Taufe in der Kirche unter den Anwesenden auszumalen. Verschämtes Kichern hinter vorgehaltener Hand. So richtig auszubaden hatte er es später in der Schule, soviel stand fest. Auch wenn seine Sportleistungen nicht als Glanzlichter zu verzeichnen waren, so ließ es sich die sich selber aufwiegelnde Meute niemals entgehen, ihn geradezu euphorisch in die Höhe, in die Weite und über die Distanz anzufeuern: Erhard Schult, und es schallte, wie ein Lauffeuer um sich greifend, im ganzen Sportplatzrund: „Er-hat-Schuld! Er hat Schuld!“
Mit zunehmendem Alter hatte er es gelernt, sich stets mit Schult, Vorname Erhard bekannt zu machen. „Also Erhard Schult, also….“ Ja-a!
Beim Militär kam der Dienstgrad hinzu: „Grenadier Erhard Schult!“ Als wären noch andere „Schuldige“ in der Kompanie, der Vorname gehörte, gerade bei ihm, unbedingt dazu. Das war schon wie ein Zwang, so kam es ihm vor. Kurzweilig war es immer, weil es mit Sicherheit für irgendjemand neu war, und dann auf einmal der Groschen fiel: „Ach nee, echt jetzt?“
Seine Eltern, er hatte es in jungen Jahren versäumt, sie zur Rede zu stellen, waren schon vor seiner Pubertät durch einen Frontalzusammenstoß ums Leben gekommen. Er hatte nur wenig Gelegenheit, mit ihnen darüber zu reden, sie zuckten vieldeutig mit den Achseln, empfanden keine …Reue – und insoweit mußten sie später dafür herhalten, daß er, sollte sich immer wieder einmal Gesprächsbedarf hinsichtlich seines Namens ergeben, anderen seine verächtliche Klarstellung als Dankeschön gehässig nachrufen lassen: Sie haben sich flott vom Acker gemacht! Diese wahren Schuldigen.
Bei der Beerdigung stand er vor Angehörigen, Nachbarn und sonstigen Anwesenden vor dem Pfarrer, der unbedacht seinen Sermon abspulte: „Liebe Trauergemeinde, wir sind heute hier zusammen gekommen um von zwei Menschen Abschied zu nehmen und schauen auf ihren Sohn: Erhard Schult.“
Vorstellungsgespräch. Erhard Schult. „Ja…wie jetzt? Was wollen Sie damit sagen, Wer???“ Ein Unfall: „Ihre Papiere bitte – Ihr Name?“ Erhard Schult. „Nun mal ganz langsam, erst Ihren Namen bitte!“
Wegziehen hatte keinen Sinn, das Problem zog immer mit. Und als er Renate Last kennen und lieben lernte, war eines direkt klar: Sie wollte um nichts in der Welt einen Doppelnamen tragen – und auch für ihn stand von vornherein nicht zur Debatte, ihren Namen anzunehmen.


Samstag, 2. März 2019

Ach ja, das liebe Geld

Jonglagen, eigenwillig
(mit Geld)


Ja doch, ich nehme es gleich vorweg: gegen Hungersnot, Flucht und Krieg ist es nichts – aber, meine geschätzten Lesenden, wir alle haben so unsere eigene Toleranzgrenze, was uns individuell nervt. Gerade ich als überzeugter Einzelgänger habe so einige Reibungspunkte zu „beklagen“. Aber künstliche Aufregung kann auch amüsant sein. Ein ganz spezieller „Spaß“.
 

Es geht hier und jetzt um das Herausgeben von Wechselgeld: Ich zahle mit einem größeren Geldschein, und es kommen kleinere Scheine und ein Mix aus Münzen zurück. Wo hier ein Problem ist? Ein echtes Giftzwerg-Problem ist die Art und Weise, wie es mitunter zelebriert wird, und schon gerade im Ausland. Also: ich kenne es von früher und bei uns so, da wird auf den Fuffi für 12,53 Euro hinauf gezählt: 12,55, 12.60, 13, 15 – und ein Fünfer-, ein Zehner- und ein Zwanziger-Schein. Fertig. Nicht so, wenn man mich nerven will: da werden von der Frau hinter der Theke der Zwanziger, der Zehner und der Fünfer als Teller verwandt, darauf aufgetürmt: 2 Euro, 40 Cent, 5 Cent und 2 Cent – günstigstenfalls 7 Münzen, zumeist aber mehr….jawohl: ein Türmchen Münzen wird auf dem Scheine-Teller balancierend herübergereicht; klar, die Münzen verwackeln leicht – bis sie bei mir sind, kullern schon die ersten. Heißa, bei mir setzt das Frohlocken ein. Und dies könnte mich dazu bringen, generell mit Karte zu zahlen, weil es mich schier aufbringt – diese Tätigkeit von Lieschen Dusselig-Blöd und ihre Jonglage (da bin ich geneigt, grundsätzlich für die Kartenzahlung zu plädieren, das ist aber eine Kolumne für sich). Manche präsentieren auch die Münzen, auf den Scheinen und dem Kassenzettel ausgebreitet, übersichtlich – die Geldnoten verschwinden beinahe. Und: es sind stets junge „FachkräftInnen“, die das veranstalten.

Wenn ich schon angefressen bin, weil ich gesehen habe, wie das Türmlein entsteht, dann mime ich den Herrn Tatterich, lasse meine Empfänger-Hand entgegen flattern, brauche nur ganz leicht die Gegnerin zu berühren, und das Türmchen fällt zusammen, Münzen kullern, mitunter nicht nur auf der Theke, manche müssen im Laden verfolgt werden, weil sie das Roller-Gen haben. Und Fräulein Gucktsodoof-Istesauch staunt. Ja, wie konnte es nur soweit kommen? Für mich eine rhetorische Frage, für die „dämliche“ Nachwuchskraft anscheinend nicht.


Wird mir die Bastelarbeit (Tablett mit Türmchen balancierend) hingehalten, halte ich mitunter aufgekratzt meine Almosenpatschen daneben – nun ist die Leuchte an der Theke verwirrt, glotzt mich mit ihren bemalten Kuhaugen einfältig an: soll sie alles auskippen oder wie? Tja, Dummerle – wie kommt nun der Salat von A nach B? Sie war doch so ihrer Turm-Bauerei hingebungsvoll erlegen. Was denkt sie, wie ich es empfangen soll – denkt sie eigentlich wirklich?


Bin ich richtig, so richtig aufgebracht, die dritte Jonglage des Tages eventuell schon, dann nehme ich das manikürte Pfötchen, kippe das Türmelein in meine Hand, nehme die Scheine und lege sie nachdrücklich auf den Tresen. Dann zähle ich nach und sortiere gemächlich in mein Portemonnaie hinein. Bedächtig, gaaanz langsam. Ich habe Zeit – und jetzt schon gerade.


Ich habe auch schon das Türmchen zerlegt, baue genau so ab, wie es entstanden ist, nur umgekehrt – sie kann die Hand ja weiter bereithalten – bis es sie zur Ungeduld veranlaßt und sie die Scheine selber schon mal separiert, weil ich noch nicht durch die Münzen hindurch bin. Auch gerne gesehen: Seitenblicke oder verdrehte Augen – das mag ich besonders – dann wird es aufregender und spannender: wie wird das alles noch enden?


Wie schon gesagt, jeder hat so seine Berührungspunkte, wo man geradezu darauf wartet, daß es wieder gestartet wird – und dann unternimmt man was, eine Gegenaktion zur Verteidigung. So will es das Leben.
Und ja – ich habe auch richtige Probleme.
Interner Hinweis:
Die Doppelnamen sind Bernd Stelter gewidmet – „Stelter-Gate“, sage ich nur…noch nie habe ich ihn so geschätzt!


Donnerstag, 14. Februar 2019

Valentinstag, mal wieder

Am Valentinstag
(aber nicht nur dann)

Chico, die anderen und ich - 1
Chico ist der grüne Papagei, Chica die betagte Podenco-Hündin.
Wenn sie an ihm vorbeitappelt, dann bekommt sie oft einen Spruch von ihm mit (gut, daß sie mittlerweile schlecht hört – eine Gnade des Alterns). Neuerdings jedenfalls sagt Chico zu Chica: „Miau….na, Maus?“
Das sollte man sich noch mal auf der Zunge zergehen lassen: Da sagt also der Papagei zum Hund den Katzengruß und fügt an: Na, Maus? Also ich finde es ein wenig verstörend (saukomisch aber auch).

Chico, die anderen und ich – 2
Eine fesche Besucherin, die Wollkleidung anprobiert, Chico schweigsam in der Nähe, sie bei der aufgekratzten Tätigkeit beäugend.
„Hallo.“
Die Dame wirft begeistert das Textile zur Seite, eilt zum Papagei und quietscht verzückt: „Na sowas, ein Vogel, der spricht! Ja auch Hallo!“
„Hallo!“
„Ja Hallo – nun sag mal, wie heißt du denn?“
„Leck mich.“
Anmerkung: Es war nicht Papagei CHICO, der hier einen finanzstarken Kauf vereitelte, es war damals Beo PAULE. Und ‚leck mich‘ sagte er auch nicht. Das kann nicht mal Chico….also: noch nicht. Damals, bei Paule, trug ich mich mit dem Gedanken, da er, wie später Chico, wirklich viel sprechen konnte, für die nächste Ausstellung einzustudieren: „Das steht Ihnen aber gut!“

Chico, die anderen und ich – 3
Chico beißt die Chefin – der Finger, blutet. Und Chico? Er sagt einfach nur:

„Ups.“

Sonntag, 10. Februar 2019

Erben ist nicht alles

Nachlaß – laß nach
(oder: Die Rache des verschmähten Dichters)
Nun stelle ich mir eine kleine Stadt vor – sind Sie dabei? Wenige Künstler, Kunsthandwerk schon, aber  professionelle Musikanten, nein, nur zwei öffentlich bekannte Malende, ein Bildhauer mit Rheuma, sonstige Volkshochschulabsolventen für allerlei obskure Fertigkeiten. Doch – irgendwo in einem Hutzelhäuschen am Ortsrand, der Ortsdichter, verkannter Schriftsteller, bemühter Autor. Der einzige ortsansässige Verlag hatte stets abgewiegelt, nein, bloß nicht, selbst wenn für ihn ein Preis von der Kommune erfunden und verliehen würde, nein, wirklich nicht. Kein Buch. Niemals! Man hatte sich im Laufe der Zeit eh auf Informationsheftchen, handliche Werbebroschüren, großformatige Hochglanzreklamen und so weiter spezialisiert, Einladungen, Menükarten, Festschriften. Aber Bücher, das ging früher mal, also wirklich ganz früher, aber heute – nein, das bedeutet nur enorme Investition – und daß diese wieder reinkommen: eher wie eine Lotterie, hatte der Verlagschef dem Bürgermeister erklärt. Es war kein Thema. Der Mann des bedruckten Papiers hatte sich zu schützen gewußt.
   Der Ortsautor verstarb in hohem Alter, keine Nachkommen, keine Angehörigen, ein absoluter Eremit, aber es war die Rede von einem Testament. Schließlich ging es letztlich ja um das kleine Haus. Der Bürgermeister war schon besorgt, solle sich um die Kate irgendwer kümmern, nur nicht die Gemeinde – es hieß von einigen Wenigen, denen mal ein Blick ins Hausinnere gelungen war, es sei voller Manuskripte, Ordner, Bücher und Tagebücher – alles unveröffentlicht, natürlich. Romanzyklen: Stapel von beschriebenem Papier, bis an die Decke, jeden Winkel nutzend. Es seien aber auch Tagebücher vom 17. Lebensjahr an vorhanden, hatte er mal verlauten lassen – und nun war er 87 geworden. Ergiebige Jahre waren mit mehreren Bänden belegt. Uferlos.
   Zur Testamentseröffnung waren Bürgermeister und Verlagsleiter in die Kreisstadt geladen. Was das wohl bedeuten sollte. Es wurde kurz und schmerzlos vom hochangesehenen Notar eröffnet: Das Gesamtwerk des Dichters wurde großzügig der Gemeinde und dem örtlichen Verlag vermacht, das war die großmütige Geste des verkannten Genies – er glaubte unbeirrt zuversichtlich an die Entdeckung nach seinem Tode, wie er beschwörend in seinen letzten Worten ausgeführt hatte. Nun war es also geschehen, man hatte den Salat. Das war zwar irgendwie auch zu befürchten gewesen, nur wahrhaben wollte das der Gemeinderat mitnichten. Und die Öffentlichkeit war unerhört schnell im Bilde (man munkelte, da habe die Opposition die Hände im Spiel gehabt, die örtliche Presse berichtete unverzüglich). Ruckzuck war man sich einig – das ganze Material gehöre in fachliche Hände: alle zeigten auf das einzige Gemeinderatsmitglied mit Erfahrung: Der, der einen Verlag führte, der solle sich natürlich kümmern, es wurde ihm sogar als Ehre mit Nachdruck sehr, sehr nahegelegt. Und da sich alle einhellig so rührig ihm zuwandten, dagegen war er allein machtlos. Es mußte nicht ausgesprochen werden, man kannte sich seit Jahr und Tag sehr gut – ein Ausschlagen der Erbschaft wäre einem Selbstmord gleichgekommen. Kurzzeitig kursierten Gerüchte über einen kontrollierten Brand – aber diese Papiermengen, das wäre einem Moorbrand gleich gekommen – und nicht auszudenken, wenn es an die große Glocke überregional geriet – Bücherverbrennung, das sind wir also mal wieder – und damit verbunden der Namen dieser kleinen Stadt, die sich mit einem solchen Ruf völlig ins Aus manövrieren würde. Nicht auszudenken.
   Man hatte eine Ortsbesichtigung anberaumt, eine hochinteressante Aktion; alle konnten nicht zugleich hinein in das vollgestopfte Haus, man ging in Dreiergruppen – und guter Rat war schnell sehr teuer, so die Krämerseelen. Klamm das Stadtsäckel, aber man sei, das war im Handundrehen mit nur einer Gegenstimme beschlossen, durchaus bereit, Gemeindearbeiter zu beauftragen, alles ausräumen zu lassen. Jeder hatte etwas anderes beim artistischen Slalomgang durch die Bruchbude bemerkt: Ein Zimmer allein mit Kladden und Tagebüchern bis zur Zeit der EDV und, völlig klar, bis zur Zimmerdecke – ab dann war immerzu ausgedruckt worden, kleine Flure, als solche kaum noch erkennbar, völlig zugestellt. Dem Schriftsteller waren jede Stellungnahme, Antwort und vor allem die Absagen (die er mit weitschweifiger Empörung kommentiert hatte) wichtig – alles war archiviert, in Ordnern, jedes Jahr verschlang Berge von Papier, die Reihen der Ordner waren säuberlich geführt und akkurat beschriftet – alles hatte seine Ordnung – immerhin. Und die Vielzahl der unveröffentlichten Bücher, in vielen neuen Überarbeitungen. Überall im Haus, absolut überall, vom Dach bis zum Keller.
   Jovial tätschelte der Bürgermeister die eingesackten Schultern des Verlagsmenschen – also kein Problem mit der Übersicht – alles sei doch angenehm vorbereitet – das werde schon: die Gemeinde sei stolz auf das vermachte Werk (der Druckereibesitzer verstand es als „Machwerk“, aber dieser persönliche Anflug in Gedanken half ihm auch nicht). Und immerzu alles schriftlich ausladend geschildert und beschrieben, was er über seinen sprachlosen Gott und die undankbare Welt dachte. Weitschweifige Verrisse zu Bestsellern auf dem Literaturmarkt, mitunter ausführlicher als die zugrundeliegenden literarischen Anlässe. Was er über „Was-auch-immer“ dachte – Assoziationen unüberschaubaren Ausmaßes. Alle gingen davon aus, daß es bei ihm in den richtigen Händen sei – das werde schon, man freue sich, wenn doch wenigstens ein Teil der großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde: also gedruckt. Völlig überzeugte Einigkeit herrschte.
   Der Verleger war am Boden, mental, das hätte so nicht laufen dürfen, aber es gab für ihn kein Entkommen – zu mächtig der ortspolitische Druck, der erdrückende Rahmen. Tagelang schleppten städtische Bedienstete wahre Berge von beschriebener Schwerlast in die von der Stadt vermittelten bereitgestellten Container: wohlwollend hatte die Gemeinde sogar die Regale in den Großbehältern errichtet – alles für die Übersicht. Man tue, was man könne, um es dem Verlag zu erleichtern. Das sei doch selbstverständlich!
   Nun gut, der Stellplatzbereich einer Spedition war zu einem Vorzugspreis angemietet worden, und dort stand nun der Nachlass (also die befüllte Containergruppe).
   Die Gemeinde hatte recht bald eine vielköpfige Asylantenfamilie in das entleerte kleine Haus einquartiert, es schien alles in trockenen Tüchern. Doch leider wurde der kleine Verlag mit diesem großen Problem alleingelassen. Schon nach Monaten zwickten die eingehenden Rechnungen für Container und Stellplatz den Verlag. Die Gemeinde konnte nun aber wirklich nicht noch mehr tun – was habe man nicht schon alles an Hilfe geboten. Hilfe zur Selbsthilfe – einfach mal Bücher machen – fertig!
   Der Verleger wurde schräg bemustert – so gar nichts lief an Gedrucktem vom Band, was er sich denn so habe – das könne doch nun wirklich nicht so schwer sein. Das sei doch nun mal sein Beruf, Herrschaftszeiten.
   Er wagte nicht zu jammern, aber der Verlag ging den Bach runter – nach einigen Jahren mußte er die Insolvenz anmelden. Die Gemeinde konnte den Lagerpreis drücken, zu zahlen hatte sie letztlich doch.
   Und wieder hatte man mit dem großen Sohn der Stadt, auf den man so zählte, ein Folgeproblem.
   Die Geschichte wird weitergehen, irgendwann, kommt Zeit kommt Rat. Wieso, eigentlich, setzte man sich nicht mal mit dem Geburtsort des Dichters in Verbindung?


(Ich versichere, es handelt sich nicht um die Ortschaft, in der ich lebe – wir haben hier nämlich keinen…Verlag.)


Donnerstag, 7. Februar 2019

Stars, Stars - alle sind Stars!

Armes Deutschland: Deine „Stars“

(von Teelichtern und Funzeln, die scheinen wollen)

Es gibt sie auch in Good Old Germany – die abgestuften Bekanntheitsgrade sogenannter „Promis“. Nur ein kleines Beispiel aus der Modebranche: der exzentrische Lagerfeld ist A, der tuntige Frauenversteher Kretschmer sowie der schreckliche Bling-Bling-Glööckler sind B – und dann gibt es noch solche schier unbeschreiblichen Kreaturen wie diesen unterirdisch hohlen „Stöckli-Julian“ (und bei C fange ich dann diese ganze Nichtsnutzigkeit global auf, das Alphabet würde eh nicht reichen, solche Launen der Natur zu beschreiben - diese Flut von „DJanes“ und „DesignerInnen“ – früher wurde man wenigstens noch „Wirt“).
   Aber um diese dubiose 3. Klasse soll es hier gehen. Das unendlich weite Feld der Möchtegerne, „TagenichtsInnen“ und Arbeitsscheuen – mit dem schier  ungeheuerlichen Drang zur Selbstdarstellung, koste es, was es wolle; und von Ehre, Stolz und Würde sind schon längst die rudimentären Reste verblaßt: Peinlichkeitsgrenzen gibt es hier nicht. Dies ist, mit bizarrem Hang zur Öffentlichkeit, ein so besonderer Menschenschlag, der geradezu erschreckend monströs und hurtig anwächst, daß es mich schon wieder interessiert – kaum eine dieser Trash-Shows, der ich nichts abgewinnen kann. Es hat etwas von einer Unfall-Kette – ich schlage die Hände vors Gesicht und blinzele durch die Finger – das darf doch alles nicht wahr sein. Ist es aber.
   Nix wie hinein in diese aktuelle Medienwelt, durchsetzt von hochamtlichen Nichtskönnern, strunzdoofen, aber blutjungen Ballon-Titten-Schwenkerinnen, verpeilten Oldies, kurzum: „sone Leute“, das groteske Gegenteil von lichtscheu (und eine ausgemachte Blödheit ist geradezu förderlich!). In den Interviews der TV-Boulevard-Magazine hecheln sie um jede Sekunde Aufmerksamkeit, rote Teppiche ohne Unterlaß, keine Gelegenheit wird ausgelassen, die ausgemachte Dämlichkeit unter das Volk zu schleudern, und wer gerade nicht befragt wird, schielt zu den Monitoren, wie man sich bestens ins Bild rückt. Äußerlichkeit ist absolut alles, innere Werte – unvorstellbar anscheinend, völlig fehl am Platz. Hier wäre das geradezu störend und hinderlich.
   In dieser unfaßbar entstandenen Spezialwelt der Nutzlosigkeit ringt man mit allen Mitteln um den eigenen Unterhaltungswert (und manche sind geübt und schaffen es unabdingbar, Profis, sozusagen). Je schräger, umso mehr Chancen: Spitze! Man bemerkt mich – also bin ich! Kurzum: verkrachte Existenzen, die in der „Yellow-Press“ mit Schulden und Alkohol endlich ihr wahres Echo hinterlassen können.
   Und das sind die „Rregels“: Zum einen, man gräbt sich untereinander nicht das Wasser ab, Leben und leben lassen, es ist Platz in diesem modrigen Gewässer für alle diese Tagediebe und sie wissen nie, wer ihnen noch nützlich sein könnte; aber andererseits gezielte und gesteuerte Animositäten, abgesprochen, inszeniert und konstruiert oder aus astreiner Dusseligkeit entgleiste Erweckung; Rivalitäten und Feindbilder, die das Geschehen befeuern und deren hirnlose Akteure durch Schüren der erbärmlichsten Flämmchen ein wenig Feuer zu erhalten bemüht sind. Ein Rudel gerissener und gieriger „Manager“ behält alles in schützender Hand, vor allem die Gagen ihrer Schützlinge – und wenn jemand ausgelutscht ist, was soll’s – es gibt Nachschub ohne Ende. Manche dieser Haie können gar selber nicht dem sie kurz beleuchtenden Lichtkegel widerstehen. Der Hot Spot wird zum heißen Scheiß. Sie betreuen ihre armseligen Auszubildenden, nicht alle habe es in den Genen; die geübt passende Pose, der Überblick zur Situation und das rote Lämpchen an zielenden Kameras sind als der Fokus für Alles durch minutenlanges Üben und stundenlanges Training eingeimpft. Und so fressen sie sich durch die einschlägigen Formate wie Parasiten und empfinden ihre unselige Gegenwart als Bereicherung (eine geradezu himmlische Einfältigkeit). Tingelei durch Koch- und Klamottenshows, und wenn es eine höhere Gnade gibt, wandern sie sogar noch aus – spurenreich und geräuschvoll.
  Die höchste Kategorie scheint mir das Dschungelcamp zu sein, eine seit Jahren bewährte internationale Verwursterei der abgehalfterten C- bis Z-Klasse. „Lüftpümpen“, wie der allgegenwärtige Ossi seine unnütze Sippe zu benennen pflegt. Es heißt, im australischen Dschungel ist für die tragikomischen Akteure das meiste Geld zu machen (es darf einem nur nichts peinlich sein; zur rechten Zeit eine unerhörte Beichte gezielt abgesondert kann eine Auferstehung bedeuten, gegen Geldnot wird wirksam wiederbelebt). Hingegen bezahlen sie selber mit dem Rest ihrer Würde – doch den meisten ist das ohnehin völlig schnurz – Hauptsache, es kommt Geld rein – und Sendezeit ist Geld. Händeringend verausgaben sie sich für einen kleinen Lichtstrahl auf ihre sprichwörtliche „Wenigkeit“, die aber nur von anderen als solche bemerkt wird – in der Regel sind sie per Selbstverliebtheit persönlich daran gehindert (ihre desolate Selbstüberschätzung verspricht ihnen anderes – wie eine Fata Morgana); sie drängen zu den einschlägigen Kamerateams und Micros, um auch nur spärlichste Aufmerksamkeit zu ergattern. Manche knüpfen verzweifelt an große Zeiten an, in der Regel vergebens, aber durchleben selber noch mal öffentlichkeitswirksam erloschene Glanzzeiten. Dahin, dahin.
   Die Personaldecke für ein erfolgreiches Survival-Camp häkelt sich selbst, mit den üblichen Fremdschäm-Garanten: Windige Protze und Großmäuler, Operations-Schlampen nach allen Regeln der Kunst, abgetakelte Liedchen-Trällerer (und wie immer, alles in maskuliner, femininer und nach Möglichkeit noch abenteuerlicherer Gender-Variante), ein Sumpf von gräßlich und widerwärtig Bemühten. Das Szenario wird mit Sportskanonen aufgestockt, die gezielt „beiläufig“ verblichene große Tage und Erfolge aufleben lassen, abgerundet alles durch bemitleidenswerte Mimen, die irgendwann einmal in einem bekannten Film eine Rolle ausfüllten, die Gelegenheit für eine tragende Rolle grandios verpaßten. Allen voran die Garde der Soap-Fuzzis. Konfliktpotenzial wird eingefädelt, entsteht aber wie von Zauberhand aus sich selbst heraus - und dann läuft auch bald alles wie geschmiert – und wenn es super läuft, noch total aus dem Ruder. Süffisant kommentiert von Leuten, die für einen Gag ihre Großmutter verscherbeln würden.  
   Aktuell glänzte ein tapsiges blondes Dummerle („Fach“-Abitur!) damit, den Ozean zwischen Europa und Amerika als „Amerikanischen Ozean“ zu bezeichnen, denn der Atlantische „ist doch da irgendwo in Asien“); die Himmelsrichtungen sind auch nicht so klar für dieses kaum zu beschreibende niedlich-doofe Geschöpf auszumachen – „gegenüber von Norden ist doch Osten, oder?“ – tja, was bleibt mir über, als mich zu begackeiern, wenn sich ein Menschlein sonnigen Gemüts in der eigenen Beschränktheit suhlt, denn begreifen kann es niemand so wirklich – wir staunen auf den Bildschirm: was alles so frei rumläuft. Und der Currywurst-MÄÄN dreht am Rad, hat seine nervliche Belastungsgrenze erreicht und geht davon aus, im Anschluß an diese unvergleichliche Zeit in Therapie zu müssen. Ach bitte, nur mit einem Kamerateam! Das alles unterhält mich bestens – so heilend könnte keine Chemie wirken. Es ist heute alles WIN/WIN – auf so viel Unfug kann ich selber als Satiriker gar nicht von allein kommen. Zeitvergeudung? Hohnlachen und Spott zündend erquickt mich dies desolate Geschehen, dieser garantierte Lustgewinn, zu einer soliden bürgerlichen Überheblichkeit gesellt sich die empfundene Überlegenheit gegenüber diesen zum Großteil grenzdebilen Schwachmaten – und die Wonne, kein Bedürfnis zu verspüren, je so tief zu sinken. Für Geld und ein bißchen Aufmerksamkeit tun sie absolut alles. Grenzenlos. Rückhaltlos.
   Halten wir aktuell fest: Nach der Kader-Loth-Gesamtschule, dem Katzenberger-Institut und dem Verona-Feldbusch-Gymnasium muß nun auch folgerichtig die Evelyn-Burdecki-Universität eingeplant werden. Ich freue mich, ja – das macht Laune, und damit sogar mir den heute allgegenwärtigen „Spaß“!
   Deutschland – wer hätte sich das träumen lassen.
Tja, wenn nicht hier und jetzt, wann dann: ein Zeichen der Dankbarkeit für ein Geschenk der Italiener für Deutschland - würdigen wir diese grandiose Bereicherung- liebe Lesegemeinde, mein Vorschlag für ein angemessenes Gedenken dem Bohlen-Arschkriecher:

PIETRO-LOMBARDI-BAUMSCHULE.