Samstag, 20. Oktober 2012

Lisa S.



Lisa S.

Nun war mein Bestseller auch in den USA angekommen; ich genoß diesen Ruhm und saß, wie jeden Tag, morgens für zwei Stunden in der Bar Parada in Fuencaliente. Die Kaffee-Haus-Tradition, ich hatte sie für mich auf meine Insel mitgebracht; hier saß ich noch relativ unbehelligt, notierte, grübelte, beobachtete. Die Palmeros kamen für ihren Cortado und ein paar Tapas vorbei, die Wandergruppen machten Halt, um die wundervollen Almendrados (Mandelplätzchen aus eigener Herstellung) zum empfohlenen Cafe con Leche zu genießen – und so fiel an diesem Morgen mein Blick aus dem Fenster auf einen Rover mit einem Wohnanhänger, deutsches Kennzeichen, der gegenüber auf den Randstreifen zirkelte. Das Kamerateam hatte ich zuvor schon gesehen und dann kam es mir auch schon bekannt vor: Man filmte Kai Pflaume, der hier jemandem eine Videobotschaft überbrachte – toll, das mußte ich sehen!

   Und zu allem Glück kamen sie zu uns in das alt erhaltene Ambiente, fragten den jungen Wirt mit der dunklen Brille und die verwirrt aufgekratzte kurzhaarige Frau am Tresen – und diese zeigten auf mich in der Fensterecke. Ich hatte gar keine Zeit lange zu überlegen, unter vorgehaltenem Licht mit begleitender Kamera kamen sie zielstrebig auf mich zu. Kai steuerte direkt mit großem Mikro meinen mit Manuskripten belegten Tisch an; er wollte -  zu mir!

   Ich kam in diesen Sekunden gar nicht zum Nachdenken, was? wie? von wem? ich? versteh ich nicht! Ich beantwortete irritiert die Fragen nach meinem Namen, ob ich der Autor sei, ob er Platz nehmen dürfe, er habe eine Videobotschaft für mich. Von wem, wolle er noch nicht sagen, aber informiert sei er von meiner Lebensgefährtin – und es sei eine reizvolle Aufgabe an ihn herangetragen worden. Ich sollte mal spekulieren, und ich verfiel auch sogleich auf Witzelei, fragte, ob sich Verona des Blindgängers Franjo entledigt habe, sich Nadja Uhl um mich bemühe, ob meines internationalen Erfolges Sophie Morceau, Isabelle Adjani, Sandra Bullock oder Catherine Zeta-Jones von mir erfahren hätten; ich gebe mich blödsinnig selbstbewußt.  Kai sagt, zuletzt habe ich regional nicht schlecht gelegen, und so komme ich noch mal drauf zurück, ob die Sache mit Michael Douglas zu wackeln anfange und Madame CZJ nun die Insel wechseln wolle, also von der Karibik zu den Kanaren – da lenkt mich der Liebesbotschafter auf meine Inselfrau zurück, und sofort vergehen mir diese Abschweifungen, was habe ich hier herumzuphantasieren  - bleibe daheim und nähre Dich redlich …das konnte auch gar nicht sein, wie schwachsinnig war das jetzt vor der Kamera …

   Nun eskortieren sie mich aus dem Lokal, wir schlängeln uns an den verdatterten Palmeros vorbei, treten ins Freie, Neugierige umringen uns. Wir gehen über die Straße, er läßt sich noch mal bestätigen, daß doch gelb meine Lieblingsfarbe sei und ich bin und bleibe völlig verwirrt.

   Und dann reden wir noch ein wenig in dem kleinen Heimkino (die haben wirklich die tagelange Fahrt mit der Fähre und auch den Transfer von Deutschland durch Frankreich runter ins spanische Cadiz gemacht! Um zu mir zu kommen!) – nun wird das Rätsel gelöst. Er spielt die Videobotschaft ein. Und da ist sie, das gelbe Mädchen mit der Sternfrisur und der weißen Perlenkette, dem roten Kleidchen der ewigen Jugend, Strahleaugen glubschen mich verlegen an und sie spricht ein wenig anders; sie ist nicht synchronisiert, dies ist ihre Originalsprache, und ich verstehe nicht alles. Kai hilft aus, erklärt mir, daß mich Lisa Simpson bei David Letterman  gesehen habe, daß man in Springfield über mein Buch diskutiere, na gut, weniger der leicht debile Vater Homer und auch nicht ihr verbiesterter Bruder Bart, aber ihre Mutter Marge lese sogar Schmatze-Maggie aus meinem Bestseller vor. Lisa druckst herum - sie möchte mich kennenlernen. Dieser Schritt sei ihr nicht leicht gefallen.

   Da ich völlig überrollt bin, wird eine Drehpause gemacht und wir besprechen dann das weitere Vorgehen. Ich könne später antworten, habe den ganzen Tag Zeit, ich solle mir alles für eine Reaktion durch den Kopf gehen lassen. Mit Sabine sei eine Insel-Tour geplant, das Kamerateam freue sich schon, er, Kai,
natürlich auch, man werde den ganzen Tag herumgondeln (Piratenbucht, Strände in Puerto Naos und Tazacorte, zur Hauptstadt Santa Cruz, das anheimelnde San Andres, das nahezu verlassene El Tablado; gut, die Zeit reiche nicht für eine Wanderung in der Caldera de Taburiente oder auf der Vulkanroute, aber meine Partnerin, so der entzückte Kai, habe sich eifrig angeboten, das malerische La Palma den Fernsehzuschauern zu offerieren. Die Geschichte mit dem gelben Mädel, nein, da stehe sie drüber.

   Man werde mich anschließend wieder abholen, ich könne bei den Tieren meiner Lebensgefährtin einhüten, und gespannt seien alle bis zum Anschlag. Das kann ich mir auch gut vorstellen, ich weiß noch gar nicht, was ich denken soll …

* * *

 Der Tag verging, ich hatte den schwätzenden Beo Paule mit seiner großen Voliere vors Haus gerollt, die eigenwillige Katze Mieschka versorgt und war oberhalb des Atlantiks sonnenbeschienen mit der kleinen kältezittrigen Podenco Hündin Chica und dem blödelnden Wolfshund Benno zum Mirador del Time gewandert, meinte auch unten in den Serpentinen das auffallende Mobil kurven zu sehen, schaute auf den Hafen und hatte letztlich den Brief fertig. Die Tiere … ja auch meine Partnerin  … doch, meine Entscheidung war gereift und gewissenhaft getroffen.

  Nein, einer Ausstrahlung stimmte ich nicht zu, ich wollte es Lisa S. ersparen. Wegen der Lesbarkeit hatte ich mit Laptop eine Antwort verfaßt, in Deutsch, sollte sich Springfields Elite (vielleicht unter Leitung des geschniegelten Ansagers Kent Brockman) daran versuchen.


Liebe, bezaubernde, kluge Lisa,
keiner kann sich seine Familie aussuchen und jeder muß auch seine Realität annehmen, wie sie sich einem stellt. Ich habe über uns, uns alle nachgedacht und finde, daß es keine Zukunft geben kann, geben darf. Du würdest Deinen Arbeitsplatz in Hollywood nicht verlassen – und ich möchte nicht weg von La Palma.

Du bist eine bezaubernde intelligente kleine Frau, von ewiger Jugend gesegnet, das Trickleben verlangt Dir viel ab. Ich weiß nicht, ob eine Beziehung gegen den Jugendschutz verstieße (greift der auch bei nimmer endender Jugend?),zudem bin ich mit Deinem Springfield und vielen Einwohnern  vertraut - das ist auch nicht so viel anders in meiner Welt:  der fiese Kernkraftwerkbetreiber Burns mit dem schleimigen Wayton Smithers, der fromme Klugscheißernachbar Ned Flanders mit seiner sektenähnlichen Familie, der verschlagene Mo in der Bar mit seinem rülpsenden Dauergast Barny, der dubiose Clown Krusty mit Tingeltangel-Bob, die gestrenge Lehrerin Frau Krabappel und der aufrechte und dadurch nervige Rektor Skinner, der Kwik-E-Mart-Betreiber Apu, der oberkorrupte Polizeibeamte Chief Wiggum und Doktor Monroe. Vom Sehen kenne ich Euch alle in diesem kleinen Spiegelbild der Welt, und ich hätte bald den lieben Hund Knecht Ruprecht vergessen – ja, das ist alles sehr reizvoll.

Weniger erbaulich, liebe Lisa, finde ich Deine Schwärmerei für den aalglatten Troy McClure – gut, der ahnungslose Brillengickel Milhouse hat es irgendwie auch nicht anders verdient, eine Alternative ist er sicherlich nicht. Aber was findest Du so begeisterungswürdig an den horrorharten Trickfilmen mit  Itchy & Scratchy – ist das nicht eher die Welt Deines mißratenen Bruderherzens Bart allein, mußt Du denn da wirklich mit einstimmen? Ich fasse es nicht. Höre auf Deine Mutter Marge, die Dich unablässig zu warnen nicht müde wird. Wenn auch der salbadernde Pfaffe Reverend Lovejoy Dir keine Hilfe ist, orientiere Dich  wenigstens an Deiner Mutter!

Und ehrlich gesagt, ich mag mir gar nicht gerne einen Besuch auf meiner heilen Insel mit Deiner Mischpoke vorstellen …Wenn ich mir durch den Kopf gehen lasse, wie Dein Vater vergeblich Duff-Bier zu bestellen versucht, die Donuts vermißt. Auch ohne seine Kumpels Lenny und Carl sich die Zeit vertreiben muß. Nicht auszudenken, wenn Deine Tanten Patty und Selma die Insel verqualmen – ach, ich könnte das gar nicht ab, der Ärger wäre vorprogrammiert. Bart würde unsere Tiere drangsalieren, Eure dusselige Töle Knecht Ruprecht unsere Katze Mieschka jagen und letztlich unseren Hundis den letzten Schliff in einer Blödelausbildung verschaffen. Der schlechte Einfluß wäre allerorten …die Guardia Civil würde oben in La Punta bei uns ein- und ausgehen, ein schrecklicher Gedanke.

Ich weiß, liebe Lisa, wie Du schwärmen kannst – als Saxophonspielerin war Dein Traum die Begegnung mit Bleeding-Gums-Murphy, der hatte den Blues und es rührte Dich. Und das ging auch an mir nicht spurlos vorüber.
Ich will Dich nicht verletzten, liebe Lisa, aber jeder sollte dort seinen Mann, pardon, seine Frau stehen, wo er, also sie, hingehört – nicht alles im Leben drängt nach Erfüllung, wir tun dort unsere Pflicht, wo wir eingesetzt sind. Du bist ein Mustermädchen, moralisch untadelig und einwandfrei.

Verzeih mir, Lisa, ich kann unserer Verbindung kein grünes Licht geben, eine positive Antwort ist mir nicht möglich. Alles Gute für Dein Leben,
Wolfgang

 PS: Gelb ist nicht alles.

Kommentare:

  1. Ach, die arme Lisa...wie traurig muss sie, nach Übersetzung diese Worte, gewesen sein. ;-)

    Eine klasse Story GiftZwergMäään, dachte man doch zuerst wirklich an ein Treffen und eine besondere Überraschung. Als ehemalige Simsons-Schauerin wusste ich auch mit den Personen etwas anzufangen, und habe mir bildich dein beschriebenes Szenario vorstellen können^^

    Ach, einfach herrlich einen Sonntag Morgen so zu beginnen :-)


    Liebe Grüssle und lass es dir gutgehen

    Nova

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    1. Und was Sabine schon so alles wegstecken mußte, herzzerreißend - Ihr Mädels von heute seid schon eine starke Spezies!
      Die Simpsons habe ich auch nur ein paar Staffeln lang geschaut, man kann nicht alles sehen. Die zum Teil schwierigen Namen entnahm ich einem Taschenbuch, verfaßt von Philosophie-Professoren, die die in gelb gespiegelte Welt messerscharf auf ihre geistig hochtrabende Art analysieren - absolut köstliche Unterhaltung.
      Schönen Sonntag und danke für die freundliche Zuschrift, Wolfgang

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Danke! ;)