Samstag, 3. November 2012

Mitmachen



Das gehört so
(ich mache was mit – beim Mitmachen)

Zur Zeit läuft in der Glotze ein für mich absolut nerviger Werbespot für ein Bier, in dem es eingangs heißt: „Wenn aus Herrn Weber ….SEBASTIAN wird …“ und dann bin ich schon aus dem Häuschen: einerseits die Kunstpause, ganz leicht angedeutet – und dann ein kerniges Betonen des Vornamens – schrecklich. Es werden nur wenige nachvollziehen können, weil jeder so seine eigene Skala der No-Gos hat (um bei der Sprache der Überschrift zu bleiben). 

   Aber sowas schafft mich, wenn suggeriert wird, hach, hier ist einer nun angekommen, anerkannt im erlauchten Kreise von Hans & Franz, er wird akzeptiert, er freut sich – „Ich gehöre nun dazu! Bin mittendrin, stehe nicht weiter abseits“ …ganz wichtig. Bloß nicht Außenseiter sein, „Das geht gar nicht!“ Ätzend, hätte man noch vor kurzem gesagt – aus meiner Sicht, aus anderer wäre cool passender. 

   Das gab es schon immer, das wird immer so sein. Rituale, Redewendungen, Verhaltensweisen. Bis zu einem gewissen Grade auch für mich unumgänglich und somit erträglich – aber es gibt für jeden eine persönlich empfundene Schmerzgrenze.

   Beispiele, nur so, ganz spontan: Da treten bei geschichtlichen Gedenktagen die hochdekorierten Veteranen auf, ordensbehangen, weniger vom Alter als vom Klimperschrott gebeugt. Da lassen es sich die Führungspersönlichkeiten „nicht nehmen“, die beschrifteten Bänder an von Lakaien getragenen Kränzen zu glätten. Bei Einweihungen werden fröhlich Spatenstiche vollzogen und für die Presse wird das Schippegrinsen aus dem Sandkasten hervorgeholt. An Orten der Tragik –und es ist so sicher wie das Amen in der Kirche- malt umgehend jemand mit dickem Filz auf einen Kartondeckel WARUM?. Ja … warum? Betroffenheit heißt doch nicht Nachäffen – aber es symbolisiert die Hilflosigkeit, und die schon ganz besonders: Warum? Ich denke, um irgendetwas zu tun. An den Bahren (vielleicht auch erst Tragen) an Unglücksorten schleppen Dutzende mit, obwohl nur 2 bis 4 anpacken können. Die Kameras nötigen geradezu. Die mit Brimborium und hampelnden Garden empfangenen Staatsoberhäupter (allen voran amerikanische) - die dolchen mit Zeigefinger und Strahlegesicht in die Bevölkerung – überall kennen sie die Leute, wollen sie andeuten. Alberne Gesten für die dankbare Presse. Die Kanzlerin macht es auch schon, na klar, das macht MAN so.

    Nehmen wir alltägliche Beispiele, kennen wir alle, wir sind auch Teil davon (gewesen) – die demonstrative Katerstimmung am Morgen nach einer Feier, Dienst ist Dienst – verstehen doch alle. Kerniges Zustimmungsgrienen, jaja, so ist das bei uns. Der Berufsalltag mit Mahlzeit*, Feierabend, Schönes Wochenende. Ist doch klar. Das sagt man so und alle wissen, was anliegt, welcher Kummer, welche Sorgen zuverlässige Begleiter sind. Das eigene Los tragen – nach außen gute Miene, warum auch nicht – Wie geht’s nicht wörtlich nehmen, am Ende müßte man dann auch noch begründen, wie es so steht. Und wer will das wirklich hören, in der eigenen Lage. Das alte Sprichwort sagt: Lach, und die ganze Welt lacht mit dir – weine, und du weinst allein. Heiliger St. Florian …

   Mein Vater war schon immer ganz wibbelig auf den jeweils zweiten Feiertag, an dem er bei den Festtagsgrüßen bereits am Morgen mit „schon bald gehabt zu haben“ souverän seine Grammatik auspackte. Das sind so sicher erfüllte Erwartungen wie beim schiefen Turm von Pisa, der auf Fotos selig grinsend von Urlaubern gestützt wird. Beim Tanzen – die  ZDF-Finger gespreizt vor den Augen längsziehen – überdeutliche Gänsehaut (bei mir). Und ich meine nicht das begeisterte Härchen-Aufstellen auf den Armen, sondern dieses peinliche Rieseln des Fremdschämens – im ganzen Körper. Aber bitte, bei jedem ist es anders – wir sind alle individuell. Jeder ist einzig. Das sollte wohl sein. ALSO –  an dieser Stelle nun mein Coming out (nur eines für Leser, denen es nicht vergönnt ist, es zu sehen): Ich liebe es, Socken in Sandalen zu tragen – nach Möglichkeit Tennissocken – klasse, sage ich nur!!! SO.

   Den Sport habe ich noch gar nicht gestreift – also Breitseite: Da schießt einer ein Tor, und ein paar Hansel um ihn herum spulen die eingeübte Choreografie ab, derweil er sein wohlkalkuliertes Erfolgsszenario vollzieht. Für mich noch unsäglicher sind die gegenseitigen Sektduschereien der Rennfahrer – alberner geht es nicht. Auch Posen sind dankbare Ziele für die Schnappschüsse: Wetz-Bolt’s braune Pfeilarme zum Himmel, unermüdlich von der Journaille gefordert – das macht er natürlich (bei dem Salär); der amerikanische Boxansager Buffer, der für seine gezogene Namensdehnungen mit Geld in aller Welt geradezu zugeschissen wird (Bafffeeeeeer). Klappern gehört zum Handwerk, schon gerade beim Schwergewichtsboxen, die Theatralik steigert sich von Jahr zu Jahr – und laß erst mal einen den Klitschkos (es ist lange mal wieder überfällig, bei welchem auch immer) auf die Glocke kloppen, dann ist was gefällig …

   So sicher wie nur was wird in Goldmedaillen gebissen, ach was, Silber und Bronze beißen synchron mit – das muß einfach sein, das war immer so, das ist ganz sicher auch in Zukunft so ….nervig. Die Presse verlangt es, der Sportler spielt mit. Man stelle sich die Schlagzeilen vor, er wage hochmütig gegen den Pressebefehl aufzumucken!

   Haben Sie gemerkt, daß immer häufiger mitgeklatscht wird, wenn der eigene Name fällt – im Ausland normal. Wir lassen uns anstecken. Me and my wife – und nicht: Meine Frau und ich. Das kommt ganz sicher – wie hieß es schon früher: Was wäre ich ohne mich. Aber meine Oma, die Ihnen schon bekannte Philosophin Martha Becher, die sagte noch: MEINE WENIGKEIT – das waren noch Zeiten (niemals hat sie das zwar wirklich gemeint – aber sie sagte es!). Wenn ich mir vorstelle, sie schieße jetzt ein Tor und macht dann an der Eckfahne Hula-Hoop-Gymnastik… ja, ich bin immer noch bei meiner Oma … und diese Phantasie  ist mir um ein vielfaches lieber, als verblödete Reklamen zu erdulden. 

   Tut mir alle einen Gefallen, nur einen: Kauft keine Produkte, mit deren Reklame Ihr verarscht werdet! Nehmt es als ganz persönliche Revanche, mehr muß gar nicht sein. Bei mir ganz oben: das Telefon-Zähl-Beispiel –so ähnlich wie zwei und zwei; die dusselig-dilettantischen Autoverglasungsmitarbeiter;  die grenzdebile Müslireklame, vom Inhaber selbst verzapft, und die ungezählten unsäglichen Sportskanonen (Vollblutsportler, aber in Reklamen linkisch bis zum Anschlag) …. ach,  ich wüßte noch soooo viele. Und ganz besonders hasse ich Reklamen, in denen der Kunde begriffsstutzig, wahlweise schwerhörig ist – damit das Produkt oft erwähnt wird: AB HEUTE NUR NOCH DAS NEUE BLUFF! - Das neue Bluff? - RICHTIG; DAS NEUE BLUFF!!!


*
Es gab sie aber von Anfang an, die MAHLZEIT-Verweigerer, ich habe einige kennengelernt.  Verbissen echoten sie gerade eben NICHT mit im Chor des WIR, trotzig, beharrlich aufbegehrend  – in der heutigen HALLO-Zeit ist das leicht geworden, neutral zu antworten  –  Mit „Guten Appetit“ als Gruß versuchte damals ein Kollege unverdrossen Neuland zu betreten: Aber wenn man nicht ißt und auch nicht vorhat zu essen? Was bleibt dann? Es ist doch nur ein Gruß, Gemeinschaft stellt er dar. Das macht man so. Das gehört sich einfach so, wenn man dazugehört. Und wer will nicht dabei sein – was ist schon dabei.

    Oder meinen Sie etwa HOCHACHTUNGSVOLL, wenn Sie es unter einen ernsten Brief setzen?

Samstag, 27. Oktober 2012

Alltägliches IV



Alle Tage – Alltägliches
IV
       - Aus meinem Leben als giftzwergMÄÄN-

Etikett-Etikette

Haben Sie auch schon solche Preisschilder gesehen: 99,99,-- (nein, ich meine nicht die „klare“ Position unter 100, die man hier uns vermeintlich blöden Kunden vorzugaukeln versucht …schauen Sie nochmal hin! Exakt: Was bitte bedeutet hinter den Cent das Komma mit den Strichlein? Ist das eine Irritation wegen der Währung, ein universelles Symbol sozusagen für DM, Euro, Landeswährung – denn auf dem „kleinen Inselchen“ habe ich es auch schon gesehen, vornehmlich auf Speisekarten.

   Letzten Samstag, Flohmarkt in Koblenz, eine meiner persönlichen Buchmessen sozusagen (ich werde ja immer fündig und stöbere in den fraglichen Kartons). Und was muß ich sehen? Jedes Buch 1,50,-- – meine Fresse – und das bei Büchern! 

   Na, dann ist es kein großes Kunststück: Das eingangs zitierte Schild ist eines unter vielen ….in einem großen Elektromarkt in Neuwied. Der Kunde ist nicht blöd, DER eher nicht, aber das hatten wir ja schon (vgl.. mein allererster Blog-Beitrag – so fing ja alles an).


Ein Käffchen

Gehen wir mal nicht auf die Vielfalt unseres heutigen Kaffee-Angebotes ein, das Thema soll anders lauten – bei Tchibo gibt es für 95 Cent (nein, nicht 0,95,--Euro) die Größe NORMAL. Das ist eine ganz übliche, halt normalgroße Tasse – darüber hinaus dann die Variante GROSS. Der Pott meinetwegen. Und hier bin ich doch in einem Fachgeschäft! Das hat was von Richtlinie, finde ich.

   Ich also neulich, in Ermangelung einer Tchibofiliale in einer kleinen Nachbarstadt zu einem Bäcker mit lecker dekorierter Imbißtheke, suche mir was Herzhaftes aus (jetzt habe ich fast auf die Tastatur gesifft, so bin ich eben, La-Palma-Bine kann das bestätigen), fragt die gepiercte, tätowierte Untergrund-Vorpraktikantin (ja, es kommt jetzt, warum ich mich so eindeutig  an diese PERSON erinnere) -  „Und einen Kaffee dazu?“ 
Oh ja, gerne – normal, nicht groß. „Was heißt schon normal, da versteht wohl jeder was anderes – klein, mittel oder groß?“ Das reicht mir dann schon als Eröffnung ….giftzwergMÄÄN, auf die Barrikade! Ach so, bei Tchibo gibt es …“Wir sind hier ja wohl nicht bei Tchibo!“ Bekommt sie ihre Tage? Ist der Lover mit einer anderen unterwegs? Oder wirft sie mir vor, nicht Brad Pitt zu sein? Sie haben hier also drei Größen? „Das sagte ich ja gerade – nochmals: klein, mittel oder groß?“ Jetzt vermute ich schon eher Männer-Allergie. Ich habe Stellung bezogen. Unter groß kann ich mir was vorstellen, aber wie unterscheiden Sie hier bei Nicht-Tchibo KLEIN und MITTEL? Ich habe sie langsam am Siedepunkt, klasse! Sie dreht sich um, schnappt sich zwei Tassenmodelle und knallt sie wortlos aber seufzend auf die Anrichte vor sich. Die Augen verdreht sie schon. Das reicht mir noch nicht so ganz. Tja, äh, also – wie sieht denn GROSS bei Ihnen aus? Ich hätte ja hier abbrechen und darüberstehen können – hätte …tue ich aber nicht, jetzt schon gerade nicht …sie pfeffert aus der Umdrehung die dritte Tasse daneben. 

   Sagen Sie, äh – wie ist denn das Fassungsvermögen, wenn Sie verstehen – bei Biergläsern gibt es ja auch 0,2 und 0,3 nur um ein Beispiel …“Sowas hat hier wirklich noch keiner gefragt!“ Ich bin nicht keiner, Sie sind ja auch nicht Tchibo, nicht wahr? Jetzt bekomme ich den sülzigen Unterton gefühlter Überlegenheit. Es stehen schon Leute hinter mir – aber ich laufe Gefahr, daß sie nicht wirklich hinter mir stehen – und vor mich stellt sich ohnehin niemand (als giftzwergMÄÄN ist man ja sooo  alleine). Entscheidung …oder …

   Ich brauche Bedenkzeit – schönen Tag noch. „Ja wie jetzt? Und das Brötchen???“
Trocken mag ich es nicht – guten Appetit, machen Sie mal eine Pause –und trinken Sie ein Käffchen dazu –normal!!!

   Ich wollte doch eh abnehmen. Nicht viel, nicht mittel – ein wenig.


   Mein täglich Essen – oder: Brot und Spiele

Der Titel stimmt schon nicht – ich hole mir unter der Woche –also zwischen Montag und Freitag- drei- bis viermal das Tagesgericht einer der zwei Metzgereien in der näheren Umgebung. Das Essen wird von der Küche der Metzgerei in Behältern zum Laden gebracht. Verfressen, wie ich bin, gehöre ich immer zu den ersten Abnehmern, bin also da, wenn Metzgergesellen die voluminösen Transportboxen ausladen und hereinschaffen. Dann kommt der Auftritt der Fleischereifachverkäuferinnen – alle 5, die abwechselnd zu zweit in Frage kommen, führen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den HITZETANZ auf – alle fünf, durch die Bank! Keine Küchenhandschuhe oder Topflappen in Sicht, mit denen sie die fraglos heißen Behältnisse aus den Boxen heben und in die Wärmetheke befördern – die letzten Zentimeter zumeist unter Gejaul, Gehüpfe und Wehklagen. Gestandene Hausfrauen! Mein Mund bleibt verschlossen – das Problem zu lösen muß ihnen einfach aus der Erfahrung her von alleine einleuchten – darauf warte ich aber, ungelogen, seit Jahr und Tag! Unerhörte Szenarien spielen sich ab, es tut schon beinahe weh, das anzuschauen – aber ich halte es aus – ich ahne, ich habe noch längst nicht alle Varianten im Tanzen, Wimmern und Händeausschütteln wahrgenommen – es ist wie eine Dokusoap, man kennt das alles schon und wird doch immer wieder gebannt, sich das weiter anzuschauen. NIEMALS würde ich die von Sabine aus Mitleid gratis angebotenen Topflappen überreichen!

   Letzte Woche kam ich in den Laden, das Ausladen stand unmittelbar bevor, quatscht mich doch VOR der als Bühne zu betrachtenden Theke der Haupträdelsführer im Dorftratsch an, ohne durch meinen Blick ermuntert zu sein – ich hatte doch schon anderes im Blick.
   „Ach, der Herr Schriftsteller!“
  Tach auch. Ich versuche, um ihn herumzuschauen. 

   „Oioioi, kurz angebunden, der Herr Dichter – wohl heute schon alle Worte verschrieben, was?“ Er lacht selbstzufrieden aus vollem Hals über seine Witzigkeit. Wie eine Fontäne, um Aufmerksamkeit bemüht, rudert er in der Luft mit gelupften Armen; natürlich nicht, ohne sich nervös umzuschauen, um Zustimmung zu erheischen.

   Ein neues Lehrmädchen hat ein Handtuch genommen, souverän hebt sie einen Teil der silbernen Töpfe und Tiegel heraus, hingegen faßt sich schon wieder eine vom Stammpersonal an die Ohrläppchen. 

   Haben Sie also die Planstelle bekommen?
   „Wie, watt? Planstelle?“
   Na, als Ortskomiker!

   Erstaunlich, wie viele mitgehört haben, einhelliges Lachen bei der Essenausgabe.
Er nimmt seine Portion, zahlt, verläßt grummelnd den Laden. Der wird mich nie wieder stören! Aber ausgerechnet an diesem denkwürdigen Tag, der die große Wende hätte herbeiführen können. 

   Hat er aber nicht – ab dem nächsten Tag wieder Hitzetanz. Das Handtuch bleibt der kleine süße Trick der nur mal kurz auf den Plan getretenen Aushilfe. Die Idee war nicht ansteckend. Es geht weiter, demnächst in diesem Theater. („O nein, was sind die Pötte  heute auch wieder heiß!“) Tja.

Dienstag, 23. Oktober 2012

„Nachlese“



Witz – „Nachlese“
(Bitte nachschauen unter KOLUMNEN, gestern: Mein Deutsch 3)

Wir kennen doch alle die Leute, die Witze nicht erzählen können; vor lauter Prusten versteht man dann nur die Hälfte, mitunter wird die Pointe versemmelt oder jemand anderes erzählt mit, aber nicht synchron. Aber wir sind fair und lachen mit – mit dem Erzähler.
   Wissen Sie, was VIEL schlimmer ist? Wenn Witze hinterfragt werden, analysiert, auf  Wahrheitsgehalt untersucht und …ach, ich erzähle mal ein Beispiel:
   Kennen Sie den mit der Lehrerin und dem Pipi-Jungen? … Wenn nicht, bitte oben nachschauen (Tja, so kann man auch Leute durch die eigenen Angebote scheuchen).
E = Erzähler
Z = ZuhörerIN
(na, ich will mal nicht so sein – wie, Sie haben schon nachgeschaut? Macht aber auch nichts, oder?)
E:   Die Lehrerin bemerkt in der Klasse, daß neben der Tafel ständig ein gelbes Pfützchen ist. Sie weiß, einer der Kleinen geniert sich, so schlägt sie vor, daß alle die Augen schließen und der arme Pipi-Bube solle das fortwischen und damit habe es sich. Alle halten sich dran, Augen zu, Hände vor die Augen zur Sicherheit, dann hören alle die kleinen Schrittchen, auch ein Gekreide auf der Tafel (sicherlich eine Entschuldigung, wie süß, freut sich die Lehrerin) und die Trippel-Schrittchen entfernen sich wieder. Dann öffnen alle die Augen. Die Lehrerin sieht sogleich ein zweites Pfützchen und an der Tafel steht: UND WIEDER HAT DER UNHEIMLICHE PISSER ZUGESCHLAGEN!!!
Z:   An welcher Schule?
E:   Wie jetzt? Oh nein, Liebling, bitte, geht das wieder los. Irgendwo, meine Güte, Volksschule Hintertupfingen.
Z:   Volksschule??? Wann war das denn?
E:   Ach bitte, das ist doch egal. In den Fünfzigern, also meinetwegen 1955 – Katholische Volksschule Betzdorf, 2. Klasse, die Lehrerin hieß ….Winzinger.
Z:   Und so genau weißt Du das. Also war es doch Deine Schule, Du wolltest nur ablenken. Du warst dabei, nicht wahr …am Ende … Du hast doch nicht wirklich …???
E:   Aber nein, das sollte doch nur eine Antwort auf Deine Frage…
Z:   Wie bitte, NUR? Und so gehst Du mit meinen Fragen um? Ich wollte doch NUR  sachlich nachhaken, um mir ein genaueres Bild …
E:   Das ist es ja gerade, ein genaueres Bild! Es ist doch nur ein Witz, dafür ist diese Geschichte schließlich erfunden …
Z:   Erfunden? Du weißt die genauen Umstände, das Jahr, die Schule, den Namen der Lehrerin …
E:   Das habe ich doch nur so gesagt, damit Ruhe ist und …
Z:   Damit RUHE IST? Ja, was soll ich denn davon jetzt halten? Kann ich nicht mal sachlich nachhaken, wenn der Herr und Gebieter eine Geschichte auftischt – und die sich bei den ersten kleinen Nachfragen als ein Lügengebäude herausstellt …
E:   Vergiß es einfach. Es war halt ein Witz.
Z:   Vergessen? Ein Witz? Daß ich nicht lache! Ich soll diese kleine Bewährungsprobe unserer Beziehung vergessen, wo es sich –und das beileibe nicht zum ersten mal- erweist, wie wenig ich vertrauen kann, wie rückhaltlos Du mit der Unwahrheit bedenkenlos umzugehen versuchst und es nur meiner Aufmerksamkeit zu verdanken ist, daß ich …:
E:   Schluß, aus, mir reicht es!
Z:   DIR??? Dir reicht es? MIR reicht es, nun aber endgültig! Immerzu diese Lügen, Lügen und nochmals Lügen … hätte ich doch nur auf meine Mutter …
E:   Erwähne nur nicht diese Pißnelke in meinem Haus …
Z:   IN DEINEM HAUS? Ich werde Dir bald zeigen, wessen Haus das ist, da kannst Du Dich aber warm anziehen, mein Freundchen. Und Pißnelke …meine Mutter! Und das sagst ausgerechnet Du, dieser An-die-Tafel-Struller …
E:   Ich habe nicht an die Tafel gepinkelt. Auf den Boden, aber das war doch ein anderer …
Z:   Verstehe – immer sind es die anderen – und wenn schon …dabeigewesen bist Du ja wohl, wage es ja nicht, das abzustreiten: Bei der erdrückenden Fülle von Fakten. Aber immer schön die Augen verschließen, nur den Affen machen, nichts sehen, nichts hören und nichts sagen! Genau das hat mir schon meine Mutter …
E:   Es war doch nur ein Witz, einfach ein Witz!
Z:   Was soll daran witzig sein, wenn eine Lehrerin derart hinters Licht geführt wird … ach, ich verstehe, die Allianz der künftigen Männer, mit einer Frau kann MAN ja …
E:   Es ist hoffnungslos …
Z:   Das stimmt beinahe  – aber mit DIR  ist es hoffnungslos! Da hatte ja schon Frau Winzinger …
E:   Fräulein – damals hieß das noch so – wenn wir schon bei Fakten sind…das Fräulein Winzinger.
Z:   Oh, der feine Herr macht nun einen auf Klugscheißer …die Winzinger hätte es wohl auch getan, um nicht ins Sächliche abzugleiten…
E:   Ich wollte höflich bleiben.
Z:   Höflich, DU? Und dann noch bleiben, als sein das so Deine wahre Berufung, der höfliche Herr Pinkelmann!
E:   Laß es gut sein, Liesel, wir sollten uns nun wirklich wieder beruhigen …
Z:   Beruhigen! Und wir, als hätten wir je etwas gemeinsam. Übrigens heiße ich Lieselotte, wenn ich das mal anmerken darf.
E:   Wo ist eigentlich noch unvermintes Gelände, auf das ich tappen darf?
Z:   Jetzt auch noch kess werden, Schmittchen-Schleicher. Immer schön davonstehlen, das sind ja gerade die Richtigen. Früh übt sich, nicht wahr?
……
SPÄTER HIESS ES BEI GERICHT, ER HABE SICH ZU DER GEWALTTAT HINREISSEN LASSEN. URSACHE FÜR DEN ZWISCHENFALL SEI EIN WITZ GEWESEN. NIEMAND FAND ES WITZIG.

Montag, 22. Oktober 2012

Mein Deutsch III



Mein Deutsch
Teil 3

Jeder hat ja so seine Reizpunkte, ich sprach schon davon – wie man förmlich darauf wartet, bis es wiederkommt – zack – da – habe ich es doch gewußt!

   Ich konnte noch nie den Lokalteil der Zeitung lesen. Ständig heißt es der Bürgermeister ließ es nicht nehmen (ja wer will es denn …noch nie habe ich davon gehört, daß ein anderer eine Urkunde übergeben oder dergleichen vornehmen wollte: „Weg da – ich will das machen!“). Eine schrecklich abgegriffene, schier blödsinnige Formulierung. Und dann weihte auch kein Geringerer als der Bischof das neue Pfarrhaus ein – ja, wer käme darunter noch in Frage, hetze ich mal …Fortwährend wird was zum Besten gegeben oder die Senioren ließen es sich munden (ich sehe den gespreizten kleinen Geckenfinger des Lokalreporters, bevor er sich wieder ob des nimmervollen Fasses der ausgelutschten Klischees die Kante gibt. Gut, schon klar, Opi und Omi sollen kuschelig unterhalten werden, sollen es berauscht vor lauter  Heimeligkeit verkosten …aber oh Schreck – das ist doch meine Kragenweite. Oh nein, bitte nicht: Für mich soll niemand so schreiben.

   Schnell weg aus der regionalen Region, bevor PLATT einsetzt. Igitt. Mal davon abgesehen, daß es weitgehend debil klingt, ist es doch grundsätzlich ausgrenzend (da ist es nicht weit zu den hohen weißen Spitzhüten mit verhüllendem Gesichtslappen); übertrieben, ich weiß, aber diese Kolumne ist böswillig im Anschlagsbereich – es wurmt mich, wenn, nur ein klitzekleines Beispiel, Hunsrücker Kinder DIE Bach und DIE Dach sagen. Dialekt sei Heimatverbundenheit. Bei Begriffen kann ich es noch ertragen. Soll ja gute Reime geben, aber dann lieber MÄÄnzä Fassenacht - Gonsbachlerchen:
Sinn die Hinkel platt wie Tellä – war dä Draktor wiedä schnällä – wenigstens was zum Lachen. Im Karneval, meinetwegen.

   Viel interessanter sind die Modewörter. Hatten wir früher auch, die Zeit mit cool und geil scheint auch bald überstanden, definitiv!- so checke ich das jedenfalls. Aber ich meine die absonderlichen Verkürzungen wie isso, sorry, na siehste, sone – davor sind wir schon alle nicht mehr gefeit – also sone Frau kann ich mir in lässiger Alltagsschnodderei gefallen lassen, aber sone Autos, Männer, Leute, sone Songs spielen etc. – geht gar nicht – und peng: Schon bin ich im nächsten Dilemma. Immerzu dieses künstliche HALLO??? Wenn baß erstaunt getan wird, Wie doof ist das denn? Genau! Na gut, wir sagten früher Ja spinn ich denn? Scheinbar ja – denn ich spinne nicht wirklich, anscheinend.

   Und dann die herzlosen Verkürzungen: Glückwunsch! Jetzt fahre ich mich wieder runter mit Mach dir keinen Kopf – o my God! Wie geil ist das denn? Der Übergang von der Schüler- zur Erwachsenensprache gelingt immer seltener. Dumm wie Brot, Staub etc.- da bekomme ich gleich Kopfkino – und das geht ja noch, schöne Verbindung für Gedanken und Phantasie, räume ich ein. Emoticons sind auch in der heutigen Schreibewelt hilfreich, wenn es denn nicht überhand nimmt. In der Alltagsbegegnung sind ja immer die dokumentierten Gänsefüßchen hilfreich. Schon beobachtet? Wenn etwas also dergestalt betont werden soll, benannt aber nicht so gemeint, greifen parallel linke und rechte Hand mit Mittel- und Zeigefinger kratzend in die Luft – zumeist von einer leichten Grimasse begleitet. Machen wir doch alle schon mal. Isso – geht doch! Ein wenig albern, aber sei es drum.

   Nerviger für mich ist schon das gedehnte OKAAAAY – wenn das als Äußerung des Gegenübers erfolgt, wird was mal so hingenommen und interessiert wie feuchter Kehricht. Loriot brachte immer sein „Ach was“ an solchen Stellen – das hieß völlig entschärft „Na und?“ – oder eigentlich nur „Pfeif der Hund drauf – das ist mir aber auch sowas von wurscht!“ bis zum guten alten „Leck mich“.

   Die Jugend forscht, auch in der Sprache. Bei uns hieß es früher immerzu echt und vor allem Das hältst du im Kopf nicht aus – und das birgt Ansteckungsgefahr, man will dazugehören  und unterliegt sogar unbewußt dem aktuellen Virus. Alter, was geht? Nein, nicht wirklich. Und natürlich immerzu Keine Ahnung. Was für eine dämliche Verlegenheitsfloskel. Whatever.

    Wir haben eine lebende Sprache, oft auch allzu lebendig – und das ist auch gut so. Diese bedarf ständiger Erweiterung (neu) und Ausmistung (veraltet) – und diese Entwicklung ist ja ein gefundenes Fressen für Autoren. Die diebische Freude, Blüten aufzuzeigen, Unfug zu erkennen und deutlich herauszufiltern – und andere an diesem Spaß teilhaben zu lassen. Wie schon oft betont: Es gibt Schlimmeres! Wir sind doch alle a part of it – gelle?

ZUGABE
Was ist falsch an vermutlich? Jetzt stutzen Sie? Hören Sie mal Sportreportagen, dort wird unablässig vermutlich und vermeintlich verwechselt. Heute sagen sie nahezu penetrant VERMEINTLICH – und kennen die wahre Bedeutung vermutlich nicht – denn vermeintlich würde sie zugeben, daß sie es doch wüßten – tun sie aber nicht. Sie glauben es nicht irrtümlich, sie sind vorsätzlich dusselig! Ein Beispiel aus den ernsten Nachrichten: Ein Familienvater hat seine Familie hingerichtet, er ist flüchtig. Und jetzt kommt es: „Die Polizei ist auf der Suche nach dem vermeintlichen Täter!“ Ja warum denn, wenn er es doch nicht ist! VERMUTLICH ist er es aber.

   Das macht mich kiebig – es handelt sich um Berufssprecher, da werde ich zum Tier. Echt.

ZUGABE 2
Dieses immer mehr wie eine Pest um sich greifende Überbrückungs-JA. Ein Interview mit Sebastian Vettel – und man merkt sowas sicher selbst schon gar nicht mehr – ich hätte es aufzeichnen sollen: In Südkorea beim Sieger-Interview brachte er in geschätzten 20 Sätzen mindestens 18 JA unter. Gefühlte 50! Da rettet ihn bei mir auch nicht, daß er … JA, kein Sprecher ist.

   Ich sage mal…JA, äh so: Sag einfach JA, wenn Du nichts zu sagen hast.
Ich höre nun auf, muß Gift tanken. Ja-ne, is klar. Einen abschließenden Scherz, zum Durchpusten, uralt natürlich –wie immer- aber nicht jeder wird ihn kennen:

   Die Lehrerin bemerkt in der Klasse, daß neben der Tafel ständig ein gelbes Pfützchen ist. Sie weiß, einer der Kleinen geniert sich, so schlägt sie vor, daß alle die Augen schließen und der arme Pipi-Bube solle das fortwischen und damit habe es sich. Alle halten sich dran, Augen zu, Hände vor die Augen zur Sicherheit, dann hören alle die kleinen Schrittchen, auch ein Gekreide auf der Tafel (sicherlich eine Entschuldigung, wie süß, freut sich die Lehrerin) und die Trippel-Schrittchen entfernen sich wieder. Dann öffnen alle die Augen. Die Lehrerin sieht sogleich ein zweites Pfützchen und an der Tafel steht: UND WIEDER HAT DER UNHEIMLICHE PISSER ZUGESCHLAGEN!!! 

Fehlerfrei – um beim Thema zu bleiben.

Tja, ich mag die ollen Kamellen.