Mittwoch, 3. Juli 2013

TdF


Meine Tour der Leiden

Alle Jahre wieder: Nun rollt sie seit dem Wochenende, die Tour-Karawane. Dieses Jahr ab Korsika (herrliches Eiland – wunderschöne Aufnahmen aus der Vogelperspektive), seit gestern weiter auf dem französischen Festland – rund durchs Land, traditionell zuletzt Richtung Paris. Drei spannende Wochen, der Höhepunkt für jeden Radprofi, das sportliche Highlight für mich als Zuschauer. Ich bin durchweg Sport-Patriot, allüberall, ist doch eine klare Sache, das muß einfach sein, mitfiebern, die tägliche Übertragung, Beine hoch, genießen*! Wie hat es dieses Jahr wieder toll für UNS begonnen – das Neutalent Marcel Kittel gewinnt den Auftakt als grandioser Sprinter – und holt sich das Gelbe Trikot des in der Gesamtwertung Führenden. Wundervoll.

   Und was habe ich schon mit gebangt, in diesen vielen Jahrzehnten. Ganz persönlich  sah ich sie auch schon, als sie auf deutschen Straßen fuhren – auch Wegstrecken, die ich selber kenne und geradelt bin. Ein erhebendes Gefühl für jeden, dessen Herz mitschlägt. Zudem verbringe ich seit 40 Jahren den 1. Mai  in Frankfurt (ehemals nannte es sich „Rund um den HENNINGERTURM“) und habe sie hautnah miterlebt, die meisten der Weltstars ihrer Zeit (Eddy, Francesco, Didi), ich habe sie „live“ gesehen. Der Duft von Kampfer in der Luft (Einreibe für die rasierten Beine), das Sirren der Laufräder, das Klicken der Schaltungen, die aufgekratzte motorisierte Begleitung, die drei Hubschrauber, die Armada der Weltpresse, die Hektik des Renngeschehens. In aller Frühe der kunterbunte blütensaubere Start von hunderten Fahrern und am fortgeschrittenen Nachmittag die Rückkehr einer öfters grauen Masse des stark dezimierten Hauptfeldes, geschundene Körper, die am Feldberg wieder Schneeregen hatten und nun mit letzter Kraft in den entscheidenden Rundkurs einbiegen. Darüber wäre allein eine Kolumne angezeigt, mache ich auch mal, was habe ich doch alles schon miterlebt: Siegreiche Glückseligkeit und sportliche Desaster. Anfangs mit meinem Vater – 1970 unser Auftakt: Rudi Altig gewann. Zum vollkommenen Glück für meinen Vater war als Ehrengast Sepp Herberger da – um der Öffentlichkeit seinen Nachfolger, Helmut Schön, vorzustellen. Und der saß dann später auf der Bank neben meiner Mutter vor dem Café, dem Trubel der Hunderttausenden entrückt – wir dachten, wir träumen das nur. Dazu ein anderes  Mal mehr. Nun heißt es wieder mal an der Glotze tagtäglich für mich: Tour de France. Was habe ich sie alle verehrt, die großen Stars der Szene**, immer unter spezieller Berücksichtigung meiner deutschen Interessen. Und wieviele Kerle sind im Laufe der Zeit in Ungnade gefallen. Was war ich betrübt über Jan Ullrich, was war ich enttäuscht von unserer Telekom-Mannschaft – und dennoch – ich bin meiner Leidenschaft treu geblieben. Ich will es mir nicht kaputtmachen lassen, das ist meiner Gefühligkeit geschuldet.

   Marcel Kittel ist sauber, gewiß (aus bitterböser Erfahrung muß ich leider immer ein wenig Mißtrauen behalten). Gleich am zweiten Tag hat er sich zehn Minuten Rückstand eingehandelt. Hier ist mit Sicherheit kein Doping im Spiel. Er ist ja auch ein Sprinter, er kann eventuell an anderen Tagen wiederholt Etappenerfolge einfahren, warten wir’s ab. Ich befürchte, auch diesmal werden wieder Fahrer auffliegen wie jedes Jahr – manche erst nach längerer Zeit. Mal Hand aufs Herz – bei dieser härtesten aller Sportarten (Belastungstabelle beim stern-Test) kann es auch nicht mit rechten Dingen zugehen. Der große Jacques Anquetil räumte noch kurz vor seinem Tod 1987 ein: „Natürlich haben wir mit seinerzeit greifbaren Mitteln nachgeholfen – anders geht das doch gar nicht!“ Seit 1967 versucht man, nach dem bitteren Tod von Tom Simpson diesem Übel Herr zu werden. Es ist ein Wettlauf zwischen raffiniert ausgeklügelten Versuchen und dem „noch nicht nachweisbar“. Die Sportmedizin kämpft mit sich selber.

   Was ist eigentlich mit den anderen Sportarten? Der Radsport muß für die ganze Sportpalette herhalten. Ab und an fallen Spitzensportler auch aus anderen Disziplinen auf und in Ungnade. Vornehmlich aus dem Obstblock, und das undurchsichtige China läßt sich weniger in die Karten schauen – die bösen Geister sind nicht auszumerzen. Da ist guter Rat teuer und wird als solcher auch blendend finanziert. Alles ist heutzutage leider-leider zu einem großen Geschäft verkommen. Und dennoch gibt es ihn, den beinharten beeindruckenden Sport.

   Ich möchte mir dennoch meine Begeisterung nicht abtöten lassen. Helden sind sie allemal, auch unter „Chancengleichheit im Unrecht“. Wenn ich dann immer höre, wie unsere Spitzenkicker jammern, wenn sie noch ein zweites Spiel in einer Woche absolvieren sollen – und zu welchen finanziellen Konditionen. Ein Hohn. Zweimal 1,5 Std. in der Woche. Und hier -nur als Beispiel– 4 bis 7 Std. und das in drei Wochen am Stück, um die 3500 Kilometer mit einem Tempomittel von um die 40 km/h – ein Trainingsaufwand von zig-tausend Kilometern Jahr für Jahr abspulen!*** Jeden Tag aufs Neue die Herausforderung, der Kampf gegen sich selber, die Uhr, die Gegner, dabei eine Mannschaft von aufopferungswilligen Helfern, Wasserträger, Edeldomestiken, die sich aufreiben für ihren Kapitän. Und die breite Menge verdient sich gerade mal so den Lebensunterhalt und die allermeisten Rennfahrer bangen jedes Jahr um einen neuen Vertrag. Das Leben ist nicht fair – und die Sportwelt schon gar nicht.

 

*Und zwar nicht mit Bier in der Hand und einem „nun haut schon rein, Ihr Luschen!“ Ich weiß sehr gut, was da täglich den Körpern abverlangt wird. Und ich leide nicht nur bei Niederlagen mit, wie ich Siege mit bejubele – ich empfinde tief mit bangem Herzen, wenn sich unter schlimmsten Sturzverletzungen weitergeschunden wird … Durchhaltewille der verbissensten Art – das sind noch Helden! Aufrichtige Hochachtung.

 

**Herrlich die legendären Namen: der Kannibale (Merckx), der Dachs (Hinault), der Adler von Toledo (Bahamontes), der radelnde Mönch (Bartali), der Bergfloh (Kunde), der Pirat (Pantani), der Gorilla (Greipel) u.v.a.m.

 

***Bald rufen die Pässe in den Alpen und Pyrenäen, manchmal drei am Tag, Temperaturschwankungen von 20 und mehr Grad, tolldreiste atemberaubende Schußfahrten mit bis zu 100 Stundenkilometern – und immer wieder die besondere Herausforderung: In der Höhe das Spalier der beinharten Fans, tausende Radsport-Verrückte, mitunter abstrus maskiert, warten unzählige Stunden für Sekunden der Vorbeifahrt ihrer Gladiatoren – und dann drehen sie durch, rennen bergan neben ihren Idolen mit, verengen die Fahrspur, daß die Gasse zwischen den am Rande des Wahnes lavierenden irre Gewordenen kaum auszumachen ist – das fürchten die Fahrer, aber niemand möchte sie missen, diese spektakulär tosende Kulisse.

Samstag, 29. Juni 2013

Dejà-vus der Nacht


Hakende Träume

Es ist ein Phänomen, über sechzig Jahre nicht gekannt, und nun ist es da, eine Art Endlosschleife: meine Träume treten auf der Stelle! Es kommt immer häufiger vor, eine banale Szene – und sie spielt wieder und wieder. Ich fahre um eine Kurve – und zack: ich fahre wieder um die Kurve – die gleiche wohlgemerkt. Ich hieve einen Koffer ins Auto, will losfahren, und was ist – schon schleppe ich wieder den gleichen Koffer nochmals ins Auto. Wieder und wieder, noch und noch. Ja meinen Sie, ich würde mal erfahren, wohin es gehen soll? Nix. Wenn ich wenigstens das Tor zum Sieg, womöglich der WM schösse; oder über den Zielstrich führe auf den Champs-Élysées als Etappensieger und gleichzeitiger Tour-de-France-Champion  – gerne …aber immer wieder einfach nur durch ein Ladenlokal gehen, irgendwo im Regen einen Schirm aufspannen oder nach dem Pieseln den Reißverschluß hochziehen – also bitte.

   Dieser Nummer vom hakenden Traum, die tritt neuerdings immer häufiger in Erscheinung. Vielleicht ein Alterungsproblem? – Nichts da, niemand kann mitreden, kennt kein Schwein außer mir.

   Bin ich jetzt ein TV-Opfer? Aber die wiederholen in ihren Boulevardreportagen stets in Zeitlupe, noch mal und noch einmal. Und dort ist es dann etwas, von dem zumindest die glauben, es bedürfe der beharrlichen Wiederholung. Aber diese unscheinbaren Sequenzen bei mir, die mir da im nächtlichen Kino offeriert werden, also – da komme ich nicht mit. Das kann ich nicht ergründen.

   Die Gnade des Aufwachens erlöst mich – irgendwann zwischen eins und drei, und dann trinke ich ein Käffchen. Ja, wirklich. Ich kenne Menschen, die trinken ab dem späten Nachmittag schon keinen mehr aus Sorge, nachts nicht schlafen zu können. Ich trinke eine Koffeinrunde, dann lese ich ein Weilchen – klappe die Kopfstütze meines einseitig belegten Großbettes*  wieder runter – und schlafe ganz sicher wieder ein. Zumeist ereilt mich dann keine neue Wiederholungsrunde, das ist der Trost, der mich gelassen in Morpheusinchens Arme gleiten läßt (ja meinen Sie, bei mir geht es nachts in eine Männerrunde? Sooo  alt bin ich ja nun auch noch nicht – und wenn ich andere sehe, so alt kann man als Mann auch gar nicht werden, hähähä – Spaß beiseite, da kann einer Spezialgott sein wie er will, die Göttin ist mir allemal lieber).  

*ach, ich bin ja so alleine – na gut, wenn man sich ins Abseits schnurchelt, dann ist das die Konsequenz

Freitag, 28. Juni 2013

waagemutig


waagemutig

Ich habe es gemacht, ich habe es wieder mal getan: eine neue Personenwaage gekauft. Schon die Mehrzahl irritiert – ob sie schon was ahnt? Die olle Vorgängerin war noch nicht digital, da drillerte eine Scheibe unter einem dünnen Strich – ohne Brille nicht lesbar – und das Nasenfahrrad  wog letztlich mit!!!

   Und ich zog schon aus, was auszuziehen geht (aus Jugendschutzgründen führe ich es an dieser Stelle nicht weiter aus). Nun ist es also eine junge, forsche Waage, die in relativ dicken Zahlen ungeschminkte Wahrheit vermittelt – und wer es nicht glaubt, der kann auch absteigen und bekommt mit den unter Schock aufgerissenen Augen weiterhin das festgehaltene Ergebnis offeriert. Gnadenlos (das Ergebnis wird aus Gründen des Datenschutzes hier nicht veröffentlicht). Unser erster Akt geschah im Treppenhaus, auf festem Untergrund. Kein Teppichboden. Skandalös – das konnte einfach nicht wahr sein.

   Dann bin ich die Treppe hoch und habe Chantal (gut Ding will Namen haben) an dem Ort ihrer Bestimmung im Bad abgestellt. Neues Ergebnis – 800 Gramm mehr! Ja wo sind wir denn??? Soll ich nun das Ding, Pardon, Chantal, am Wiegetag durchs Haus tragen oder was? Vergleichsmessung nun auf der ollen Olga, die auszurangierende Ex – Brille auf, also mehr Gewicht an mir! – und 300 Gramm weniger! Die gute alte Olga. Nochmals die neue, gottlob sprachlose Chantal: Das Resultat von vorher: immerhin ist das Luder zuverlässig. Irgendwie unerbittlich stur.

   Sabine hat ja auf LP eine Waage, die mit ihr spricht. Das wollte ich mir nicht antun, egal wie lieblich sie wispert. Bei Chantal verschwindet der Alptraum nach 15 Sekunden, sie hat letztlich doch einen Rest von Herz. Aber eben auch die jugendliche Gemeinheit ist ihr eigen.

   Was tun, fragt sich der giftzwergMÄÄN. Ich forsche mal in der Sprache nach, es gibt so viele Redensarten, das müßte mir doch Klarheit verschaffen:

Wer die Waage hat, hat die Qual.

Wer nicht waagt, der nicht gewinnt.

Waage, Waage, ich sage Dir …

Oder im germanischen Stabreim: Wiege, Waage! Wäge wohl!

   Ich könnte auch zu den anonymen Waagerianern gehen: Ich heiße Wolfgang und ich bin Wieger.

   Ist es eine Unterform der Bigamie, wenn man mit Chantal und Olga zusammenlebt (eine im Erdgeschoß, eine im Bad einen Stock darüber)? Und was wird Sabine dazu sagen?

   Na, da habe ich mir ja was ins Haus geholt …

 

Donnerstag, 27. Juni 2013

Interview


Interview

„Und nun noch ein typisches Geräusch!“ Die junge Frau vom Radio suchte mich im Büro auf, Mittagspause, versteht sich. Zum Verwaltungsbeamten würde mir außer Schnarchen nichts einfallen, wäre ja für das erwartungsfrohe Publikum gleich ein willkommener Gag. Und als Autor, für den sie eigentlich kam, fällt mir rein gar nichts ein. Gut, in meiner Dienststelle gibt es Tatü-Tata … nicht ganz passend für mich und meinen Büro-Beruf ; also hoch zur Polizeileitstelle. Der uniformierte Kollege ließ sich vom Mann am Nebentisch anrufen, Funkgepiepe, Stimmen. „Polizei Koblenz – gut, verstanden!“ und legt zackig auf. Wir hatten nunmehr ein berufstypisches Geräusch, meinetwegen.

   So war das vor vielen Jahren bei meinem ersten (und einzigen) Radiointerview. Der Fragenkatalog war halt Routine, warum schreiben Sie (und warum muß das sein?) – und so weiter. Hellhörig wurde die Reporterin, als ich ihr am Rande kurz mein Arbeitsgebiet schilderte: Diszis und Beschwerden und Regreß. Das mußte ich dann abkürzen, dafür war ich nicht autorisiert.

   Bei der einen Zeitung hieß der Artikel „Herz und Gefühl von der Polizei“ – auch nett gemeint.

  Am besten finde ich im Grunde genommen das Fernsehen (völlig ohne mich bislang) – aber die Methode ist auch immer Standard – vor dem Interview kommt diese Einleitung, da wird die gezeigte Person, die gleich befragt wird, gefilmt, wie sie so dahergeht. Bei Ungeübten sieht das immer albern aus, hölzern und völlig aus dem Tritt tapern sie durchs Bild, staksen zumeist debil grinsend auf die Kamera zu, ohne in sie nicht hineinschauen zu dürfen (das sieht man ihnen an) und gehen schließlich vorbei. Aus. In dieser Anmoderation wird dann immer etwas über die zu befragende Person erzählt und diese gibt anschließend das zu Sagende zum Besten. So läuft das ab. Immer. Ich bilde mir ein, irgendwann auch mal durchs Bild zu latschen und danach läßt man mich erklären, warum ich meine, so beharrlich verkannt zu werden. Oder sonst was.

   Wenn es dann eines Tages aber so richtig vorbei ist -  also, die quietschende Seilwinde für den Sarg kann es nicht sein; bei meiner Urne könnte als „typisches Geräusch“ eher das Platschen herhalten, wie die Urne ins offene Meer plumpst…doch halt, ja sicher, ich hab‘s: Ach bitte-bitte …recht viele Klageweiber! Das wäre mir heute schon ein Trost. Oh ja, das wäre mein Traum von einem berufstypischen Geräusch. Das Interview wird vermutlich leider nicht rechtzeitig erfolgt sein. Pech? Nun ja …

Sonntag, 5. Mai 2013

Ich gehöre nicht dazu



Ich gehöre nicht dazu
(eine rein „äußerliche“ Standortbestimmung)

Meine Bewerbung beim Club der langen Menschen stieß auf Befremden.
Man setze in dieser Vereinigung eine Untergrenze für große Menschen männlichen Geschlechts von 1,98 m an.
In Ausnahmefällen habe man aber auch schon „Knirpse“ mit 1,95 m aufgenommen – doch bei meiner Vorstellung müsse ein Mißverständnis vorliegen –unbedingt-
denn: 163 cm Gesamtmaß -von den Fußsohlen bis zum Scheitel-
selbst bei positiver Gesinnung in gereckter  Haltung gemessen – nein wirklich, da fehle jegliche Perspektive. (Ob ich vielleicht 1,93 m meine?)

   Vergleichbares erfuhr ich beim Club der kleinwüchsigen Menschen, die ein Höchstmaß von 150 cm anpeilen  -natürlich nur bei Ausnahmen- … Pikiert gab man mir zu verstehen, ob ich den Riesen mimen wolle, ich solle doch derartige Verunglimpfungen von Menschen unterlassen, die ohnehin vom Leben gebeutelt seien und stets um ein wenig Anerkennung, sogar noch in den ganz selbstverständlichen Bereichen, zu ringen hätten!

   Dick genug bin ich auch nicht, bis auf ein Bäuchlein, das mit zunehmendem Alter Raum greift, *

   aber dünn genug bin ich schon gar nicht.

Nirgendwo kann ich mich als Mensch in meiner äußeren Erscheinung engagieren.
Ich gehöre nicht dazu.

*Was hatte ich 1987 schon für seherische Fähigkeiten („Bäuchlein“ stimmte damals wirklich, „definitiv“ wie man heute so schön sagt). Nun ist es so: Ich kann guten Gewissens versichern, nicht schwanger zu sein – und Silikon ist auch nicht im Spiel – alles deftige deutsche Hausmannskost, mehr oder weniger gut angelegt!
  

Freitag, 3. Mai 2013

Meine wahre Größe



Meine wahre Größe

Seinerzeit, in der Schule, lieferte ich mir mit einem gewissen G.B. ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen über all die Jahre dahin. Letztlich siegte er, der andere. Ich war der Kleinste der Klasse.
   Als Verwaltungslehrling konnte ich mir in der Personalausweisstelle selber ein mit Tusche gepinntes Exemplar ausstellen – ich war auf einmal 1,63 Meter! Beim Bund sackte ich ein wenig zusammen – ich hampelte ohnehin am Ende der marschierenden Kompanie herum. Der Spieß schrie: „Vorne kürzer treten, die Zwerge geraten in den Kurven ins Spagat.“ (Der Spagat, Du Armleuchter). Meine Partnerin viel später meinte, ich sei nie und nimmer die wirklich mal gemessenen 161 cm groß –dies sei ihr Maß, und sie sei ja nun deutlich „über mir“. In der Arztpraxis, neulich, bei der Vermessung vor dem Krankenhausaufenthalt, wollte man mir locker 15,9 Dezimeter unterjubeln – da hörte sich dann aber alles auf! „Ein Meter sechzig!!!… oder haben Sie zu viel Privatpatienten?“ –  Ich bin es endgültig leid, mir meine Größe vorschreiben zu lassen. Reicht es etwa nicht, daß ich sie ertrage … daß sie, als Ventil, den giftzwergMÄÄN aufstachelt?
   Den Wettlauf über Jahre in der Schule mußte ich trotz Führung in manchen Jahren zuletzt  als verloren hinnehmen,  aber in der Behörde hieß es letztlich: Klein aber oho! Und der Personalratsvorsitzende äußerte ein respektvolles „Ach Wolfgaaaang, Du bist nicht klein – kurz vielleicht, keinesfalls aber klein!“ Ich wurde ja „gebraucht“.
   Bei Lesungen habe ich jahrelang mit dem Stück ICH GEHÖRE NICHT DAZU eröffnet. Das Problem mit der Größe kam auch darin vor.
   Und überhaupt: Das Wachstum hatte ich eigentlich nur vorübergehend eingestellt – seit einigen Jahren wachse ich wieder! Nun gut, nicht in die Höhe – aber die Luftverdrängung ist erwiesenermaßen erkennbar. Ich werde größer und größer – bildlich gesprochen. Also ich sehe es jedenfalls so.
   Vorsicht jetzt. Auch kleine Waffen können geladen sein …

Donnerstag, 28. März 2013

Die Fräulein



Die Fräulein – so, wie sie war

Zu Anfang in der Schule (Mitte der 50er, also im vergangenen Jahrhundert) gab es zwingend Ärger: DAS Fräulein hieß es über die Lehrerin, und somit also auch ES. Aus heutiger Sicht betrachtet, ganz schrecklich – aber: Wir Kinder waren doch eigentlich der Zeit voraus, so empfinde ich es heute …
   Unbeirrt wurde uns eingeimpft: „Es heißt DAS Frollein!“ Diese Person ist aber unterdessen abgeschafft, es gibt immer noch DAS Kind, aber beim Mädchen ist es weiterhin befremdlich. Eine Sache? Da auch in der neuen Zeit kein Herrlein kreiert wurde, mußte ‚Fräulein‘ passen. Die Zeit der jungen Frau war dahin.
   Aber damals wollten es die beinharten, kriegsbewährten Fräuleins noch selber so, gerade die reiferen Ausgaben betonten noch bis in die 70er Kalender- (nicht Lebens)jahre hinein: „ach bitte nein, nicht Frau, sondern Fräulein“ zu sein. Jetzt schon gerade!
   Lange, lange ist’s her.
   Gut, daß es die literarische Freiheit gibt. Ich liebe es, vom Fräulein per SIE, also DIE zu sprechen. Sie ist keine Sache – sie ist eine Lady auf dem Sockel, mitunter jedenfalls – zumindest die erste Lehrerin. Meine Sprach- und Schreibwelt erlaubt in der Nostalgie das DIE. Und, ganz nebenbei, um in unserer Zeit überzeugend rüberzukommen, ist die Frau schon als junges Ding glaubhaft. Aber der 16jährige Kevin … ein Herr? – Ich bitte Sie!

* * *
HINWEIS in eigener Sache: 
auf meiner hp http://www.autor-wolfgang-becher.de erscheinen nun unregelmäßig  in Ergänzung der Kurzprosa auch längere Erzeugnisse unter Leseproben 2. 
Ein Gästebuch ist nun auch da.
Ich würde mich freuen…
Allen wünsche ich schöne Osterfeiertage – der Frühling kommt bestimmt.

Donnerstag, 21. März 2013

Frauenparkplätze ...



Frauenparkplätze und so

Nein, kein Witz – früher hatte ich wirklich geglaubt, Frauenparkplätze seinen besonders breit, weil ….nun, ich weiß jetzt, daß es um Sicherheit geht, auch wenn die Welt nicht voller „Inder“ ist. Aber wo bitteschön ist das Sicherheitsbedürfnis in taghellen und menschendurchströmten Zeitphasen – ist es dann nicht nur die Bequemlichkeit, nicht weit vom Shoppen zum Auto stöckeln zu müssen? Ja, giftig, ich weiß. Und die momentan völlig zu Recht aufflammende Empörung über ungerechte Bezahlung ist durchaus verständlich (ich komme aus dem Öffentlichen Dienst, Gehaltsgruppen für Männer und Frauen gibt es nicht), aber sonst im Arbeitsleben – im Osten 8 %, im Westen gar 22 % weniger für Frauen bei gleicher Arbeit – ungerecht. Auch empörend ist es für mich aber, daß Frauen 5 Jahre früher in Rente gehen bei statistisch 7 Jahren längerer Lebenserwartung. Wenn MAN das angleichen würde, könnte doch eine Einigung einfach sein. Aber wir MÄNNER schaffen es nicht länger in dieser nach und nach entstandenen Frauenwelt. ;-)   ….zu leben, meine ich!
   Gleichmacherei muß nicht überall sein. Vor allem sollten Frauen nicht die besseren Männer werden. Nur mal so das alte Beispiel Wehrpflicht. Nett, daß seinerzeit eine Frau mit ihren zwei Töchtern dafür kämpfte, auch eingezogen zu werden – hätte für mich nicht sein müssen. Mich störte vielmehr, wer alles meiner Artgenossen nicht die 18 Monate in dieser dubiosen Welt zu leben gezwungen wurde … wenn ich nur das Wort Wehrgerechtigkeit höre, auch jetzt nach Abschaffung der Wehrpflicht, der Stachel sitzt seit 1971 tief bei mir.
   Ach, das ist doch alles ein weites Feld, wie Fontane schon den ollen Briest sagen ließ, man kann sich großartig aufregen.
   Ja, wo soll ich noch Gift verspritzen – ach ja, die Ossis – die nehme ich als Nächstes, dann muß es aber gut sein. Bis wieder sonnige Zeiten sind, muß ich mit diesen Attacken durch sein, versprochen.
p.s. – Ach so, ich habe auch schon Schnösel mit abfälligen Kommentaren abgestraft, wenn sie sich erdreisteten, auf einen Lady-Platz ihre Kutsche abzustellen. Soviel Beamter bin ich doch nach wie vor, daß ICH mich daran halte – wollte das nur noch versöhnlich anführen. Danke.