Montag, 26. Januar 2015

DEPP, DER DEPPERTE DEPP

So ein Depp

(eine persönliche Bilanz zu einem armen reichen Mann)

„Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“  ist die tragikomische Verfilmung eines Bestsellers, ein hinreißender Film, der zum Sprungbrett für drei spätere Weltstars aus Hollywood wurde: Juliette Lewis, Leonardo DiCaprio …und Johnny Depp. Und der ist heute mein Thema. Was für eine klägliche Type geht da zur Zeit auf Werbetour für eine neue Klamotte. Völlig abgedreht, kann sich kaum auf den Beinen halten, labert unverständliches Kauderwelsch. Einfach schrecklich.
   Was hat er für gute (und für meinen Geschmack auch weniger tolle) Filme abgedreht. Und nun dieses bedauernswerte Bild von einer armen Sau. Der Preis des Ruhms? Ich sage mal so: ein Bohlen macht mit Scheiße viel viel Geld, unbeschreibliche Mengen Mammon, aber er verliert niemals sein Ziel aus dem Auge …noch mehr Reichtum.
   Johnny Depp käme bei mir nicht unter die einhundert besten Schauspieler, da gäbe es schon allein Dutzende deutscher, die ihm mühelos in meinen Augen den Rang ablaufen. Aber bei den tragischsten Figuren wäre er sicherlich  unter den ersten zehn.
   Ich kann seit einigen Jahren von Herzen herzlos sein, aber wenn es eine schicksalhafte Entwicklung um dieses noch relativ junge Leben geben sollte, käme ich nicht auf ein „Selber schuld“. Wo sind die Freunde, die wohlmeinenden Berater, die ihm hilfreich zur Seite stehen? Ist denn niemand da, der es versteht, ihm den Kopf zu waschen – oder ist das alles inszeniert, gehört in das Geschäft (Auffallen der Quote wegen), man weiß heute nun wirklich nie so recht. Ist die Legende von „ganz oben ist man ganz allein“ nur allzu wahr? Längere Zeit eine Pause zu nehmen täte ihm  gut. Er hat doch Gebiete, die ihn interessieren, er spielt Gitarre und steht mit Größen der Rockszene auf der Bühne – aber es wird letztlich sein Name sein – die Augendiener sind ja überall. Und da rührte noch nie Hilfe her.

   Es würde mir sehr leid tun, wenn das Ganze in einer tragischen Konsequenz enden würde – noch scheint es nicht zu spät! Erstmalig wäre es letztlich nicht. Aber dann, Leute, geht die Quote hoch – soviel ist sicher.

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Weihnachtliches Stadtbild

Stadtbild Vierzehn

(Jahr für Jahr und immer weiter)

An Stammtischen in Kneipen kenne ich mich nicht aus, im Café-Depot sehr wohl. Auch immer die gleichen Alten an den Stehtischen, von Sehen kenne ich sie schon. Wenn es nieselt, bleibe ich drin und trinke mein Pausen-Käffchen auf meiner Routinetour (Bücher-, CD- u. DVD-Läden).
   „Der tut wenigstens was!“ Aha, sie haben den Jongleur auf der Geschäftsstraße im Auge. Manche machen auch sowas wie Musik, nach allen Möglichkeiten des Könnens. In der Adventszeit ist reges Treiben angesagt.
   „Aber immer diese jungen Kerle, einfach nur mit einem Hund rumlungern – so einen würde ich sofort ins Tierheim schaffen, armes Vieh.“ „Den Kerl?“ Keckerndes Gelächter.

   Sonst politisieren sie, heute haben sie die armen Schweine aus der Ladenzeile im Visier.
   „Und dann die Arm- und Beinstümpfe zur Schau stellen. Organisiert sind die, Zigeuner – also Sinti und Roma, muß ich ja sagen. Die Weiber ohne Schuhe – manchmal Kinder dabei. Schamlos. Alles organisierte Mitleid-Masche! Eine Großmutter barfuß – ohne Zehen.“ Sie steigern sich. „Wenn ich das Sagen hätte…!“
   Heute kommen sie gar nicht zum Abgleichen ihrer Arzt-Termine, sie beißen sich an den bettelnden Menschen in der Nässe fest.
   „Von wegen Hunger, gib denen mal ein Brötchen…die wollen Geld, nur Geld!“ „Aber nix, nur dem lieben Gott den Tag stehlen, abscheulich. Und die stinken!“ „Da gehört mal wieder ein eiserner Besen her, darf man nur nicht so laut sagen.“


Ich gehe an den Tisch nach draußen, lasse mich naßregnen, egal. Ich brauche Luft. Mir geht es seit einiger Zeit wieder gut. Nachher werde ich ein paar Weihnachtswecken kaufen. Ich denke schon, daß sich manche freuen werden. Natürlich nicht die Lästerbacken im Steh-Café.

Samstag, 20. Dezember 2014

MÄNNERSACHE

Ach, wir Männer
(neue, alte Posen)

Bei Buch-Reklamen, und um die soll es hier nun ausschließlich gehen, lebe ich schon lange mit den unsäglichen Porträtfotos mit kalter Pfeife und/oder grübelnder Kopfstütz-Haltung; windzerzaustes Haar kommt auch nicht aus der Mode. Der unfreiwilligen Albernheit sind hier keine Grenzen gesetzt. So ungeheuer beeindruckend (soll das sein). Kopfmenschen – oh ja!
   Die letzten Jahre wurde ich genervt von Sachbuch-Autoren, immerzu mit im Genick gefalteten Händen und ausgestellten Ellenbogen. Eine Schein-Gelassenheit demonstrierend, schrecklich. Und sooo unantastbar, in der Abwehrhaltung. Selbstzufrieden, in das ICH verliebt. Mustergültige Selbstgefälligkeit. Dem Leser soll signalisiert werden: „Lies mein Buch, dann wirst Du so toll wie ich.“ Ein Scheiß werde ich!
   Es ist eine neue Ära gekommen, abgeguckt bei den allgemeinem Reklamen für jeden Mist: In einem neuen Buchprospekt posieren sieben (SIEBEN!) Autoren auf nur wenigen Seiten mit selbstgerecht verschränkten Armen (in TV-Reklamen kommt noch das obligate Nicken dazu; wichtig: aufrechte Kopfhaltung, Kinn recht hoch!). Das ist in den künstlich gestellten Posen für mich obligat enthalten. Es soll signalisieren: „Na, wie war ich? Sag nichts, ich weiß es doch selbst!“ Quasi eine rhetorische Geste. Könnte mich irgendwas mehr zum Kotzen reizen?
   Ohne sich dem Anschein zu ergeben, metrosexuell zu sein, genügen Dreitagebart und Ohrsticker und was für ein Gesums noch die Eitelkeit verrät, schon lange nicht mehr. Mann-O-Mann. Ein Trauerspiel.
   So erobern wir verlorenen Boden wohl nicht zurück. Mannsbilder auf verlorenem Posten. Bei Frauen ist schon allein das Patschehändchen (am angewinkelten Arm baumelt haltlos das schlaffe Pfötchen) unerreichbar. Diese gezickte Armstellung (hat einer das Handtäschchen gemopst und die Trine bemerkt es nicht?) habe ich schon in jeder Altersklasse gesehen, in bestimmten Lebenssituationen gar beidseitig.
   Ach komm, geh weg – da reichen wir doch nie dran – zu spät, alles verloren und unwiederbringlich, wir haben verspielt. Der Traum vom Achtung gebietendem Manne ist ausgeträumt. Wacht auf, Ihr „Schniedelisten“! Der affige Griff zwischen die Beine, ein vergebliches Unterfangen.

   Da lobe ich mir doch Fotos von Tieren; sie gelten als schwer fotografierbar, es kommt genau auf den richtigen Moment an – aber sie zieren sich nicht, sie posieren nicht, sie sind natürlich. Unbezahlbare Persönlichkeiten.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Der Greenboy bringt’s

Küsschen?

(ein Lover packt aus)

Die ganze Wahrheit – heute früh hat er sie mir erzählt. Ich wußte es, habe es ja geahnt. Ob es an ihm nagte, wollte er sein Gewissen beruhigen? Chico, der grüne Lover, erzählte es mir, wie es so steht um die Zweierbeziehung, schonungslos offen schüttete er sein Herz aus (ein Monolog):

Bist du müde?
Chico? Bist du müde?
Küsschen …Küsschen
NEIN! Chico, nein – ganz lieb.
So isser lieb.
Gaaanz brav, Chico.
Nein, nicht beißen.
-         Kunstpause –
Willst du was haben?
Chico? Willst du was haben?
Lecker-lecker
Hmmmm! Guten Appetit.
Ganz lieb
Brav
-         Gähnen, Niesen, Lachen (alles original Sabine) –
Küsschen? So isser lieb.
Na-a?
MOIN-MOIN-MOIN

Man erkennt die Story: der Flirt, ein Eklat, die Versöhnung, die Belohnung.
Und das dreifache MOIN – sensationell. Nur bei Chico!
Gegen solch einen charmanten Liebhaber kommt MAN nicht an.
Es ist wie es ist. 


Montag, 1. Dezember 2014

Auf den Hund gekommen

Ansichten unter Kerlen

(Typisch Männer, sagen die Frauen)

Es ist schon sensationell, wenn ein Tier mit einem redet. Die Sensation ist aber begrenzt, wenn es nur mit EINEM redet – und dann bist Du es – ganz allein. Es ist völlig klar, daß es in diesem kleinen Kreis bleiben muß, denn platzt Du damit vor anderen heraus, kann es nur schiefgehen.
   STROMER war mir zugelaufen, wir verstanden uns sofort, und daß ich ihn nicht umgehend kastrieren ließ, rechnete er mir hoch an. Kumpanei entstand, und als er auf einmal mit mir redete, also NUR mit mir, war das schon ein Ereignis der besonderen Art. Wir sprachen über die Dinge des Lebens, aber nicht nur – manchmal war ihm so nach Männergespräch, kurzum, er liebte den Herrenwitz. Das hätte ich nicht erwartet. Wenn er für alle vernehmbar vor sich hin jaulte, quengelte, seine Töne machte, bei mir kam seine Sprache an. Und es spielte sich ein. Gingen wir die Geschäftsstraße entlang, dann kamen seine flapsigen Sprüche ‚Boah, die Alte hat ja einen Arsch wie ein Brauereigaul‘ – und ich antwortete ihm unverfänglich, „Ja, wir gehen gleich in den Park, Stromer.“ ‚Hast du das Figürchen gesehen – eine echte Sahneschnitte‘. „Ja Stromer, du bekommst gleich dein Leckerli.“ Verbalerotik, ich wurde von Stromer deftig unterhalten.
   Saßen wir auf einer Parkbank und setzte sich eine junge Frau mit Minirock neben mich, dann vollführte er seine dem Thai-Chi ähnelnden Übungen, um sich in eine bessere Perspektive zu manövrieren, und bald informierte er mich ungefragt ‚sie trägt ein rosa Höschen‘. „Ach Stromer, schmerzt wieder dein Rücken“, beantwortete ich sein Jaulen, und oft entstand dadurch auch ein kleines Gespräch mit der Sitznachbarin, mitfühlend, was denn mit dem armen Hundi sei. Unsere Dauer-Nummer, was für ein Hund er sei, brachte uns immer zu EIN ECHTER STRAGAMI (ach wirklich? So sehen die aus? - und wir lachten später beide über die Worterklärung: Straßen-Gassen-Mischung). Stromer war stolz darauf. War er bei Laune und erkannte, daß die junge Lady ein offenherziges Top trug, machte er die Winsel-Darbietung; undenkbar, daß sich die flotte Lady nicht tief zu ihm bückte, worauf ich ihm auf seine drängenden Fragen hin, wie es ausschaue, ob die Glocken schön läuten, verschwörerisch antwortete, daß wir gleich wieder rauf in die Hügel fahren. Stromer liebte diese Anzüglichkeiten. „Wir müssen noch an Milch denken, Stromer.“ Er begeierte sich dann, weil er wußte, diese paradiesischen Äpfelchen kamen bei mir gut an.
   Neulich im Aufzug wurde es doch brisant. Eine hochmütige Fashion-Mietze taxierte uns verächtlich – Stromer ging es gleich auf den Zeiger wie mir auch. In ihrem Mini, eher ein breiter Ledergürtel, lümmelte sie sich in die äußerste Ecke der Kabine und Stromer wußte, was zu tun war. Er rollte sich in gute Position und jaulte seine Offenbarung postwendend zu mir: ‚Boah Alter ey, kein Slip – eine rasierte Muschi, echt heiß, das Pfläumchen!“ Ich geriet in Not, wußte ja, daß er nur für mich verständlich war, sagte auf ihr gezicktes Quieken hin „Laß gut sein Stromer, wir sind ja gleich wieder im Park“ – als die affektierte Tussi mich wegen des Hundes zu beschimpfen begann. „Halten Sie diese Töle von mir fern, ist ja eine Zumutung, dieser Ungeziefer-Bus, weg da, ksch!!!“ Und Stromer meinte, sie habe einen Denkzettel verdient, beschrieb mir das Intim-Piercing und als wir ausstiegen sagte ich, bevor wir uns abwandten, an meinen ergebenen Hund gewandt: “Ohne Höschen, soso, und dann das Ringelein mit dem roten Steinchen, na gewagt, sag ich nur.“ Ihr ging schreckensstarr der Mund auf, ein schrilles Geschrei entfuhr ihr, ob wir mit Spiegel arbeiten oder was, eine Geschmacklosigkeit sei das, was für ein Sittenstrolch ich sei und derlei mehr. Wir hatten uns schon lachend umgedreht, dennoch rief ich ihr zu „Kein Spiegel, schauen Sie den Hund doch an, nix da – aber ich bin Hellseher, Abrakadabra!“ Und dann entfernten wir Schlingel uns rasch.
   Als Kalinka in der Nachbarschaft einzog, war es uns beiden klar: der Zeitpunkt der unabwendbaren Notwendigkeit war gekommen – die Familienjuwelen mußten ab … also seine. Ich hatte mich ja in meinem Alter schon eine gehörige Weile im Griff, notgedrungen. Und Stromers Gejaule war auf einmal auch für meine Ohren nichts mehr als Gejaule.

   Was aus uns beiden geworden ist – wir sind ein brüderliches Team, nach wie vor, nonverbal sozusagen, Blicke reichen. Reicht irgendwie, muß es doch auch geben.

Samstag, 15. November 2014

GIBRALTAR, ja!

König Fußball

Unsere weltmeisterlichen Kicker spielten gestern Abend gegen Gibraltar. Ein Pflichtspiel im Rahmen der Qualifikation für die Europameisterschaft. Gibraltar ist unter den 208 gelisteten Länderteams noch nicht zu finden. Die deutsche Elf versprach Großtaten! Wie unwürdig. Man erwog, den Rekord von 1912 zu brechen, als gegen Russland 16 : 0 gewonnen wurde (es hat noch 3 zweistellige Ergebnisse in der deutschen Fußballgeschichte gegeben). Die Voraussetzungen waren in etwa so, als wenn unser mehrfacher Zeitfahrweltmeister Toni Martin gegen einen Rentner auf einem Hollandrad antritt. Ich wollte diesen Unfug erst gar nicht schauen, aber der parallel ausgestrahlte Wohlfühlfilm war einfach nur unerträglich klischeehaft. Also schaute ich doch, der Neugier halber, ob der Gegner wirklich elf Männer aufzubieten imstande war (oder ob doch mit einem Affen aufgestockt wurde). So erfuhr ich im Laufe der Übertragung mehr über einen Staat, der die Größe des Regierungsviertels in Berlin hat, neunundzwanzigtausend Einwohner, einen (!) Fußballplatz und sechshundert Ballfreunde, die auf Anhieb das runde Spielgerät zu erkennen sich in der Lage bekennen. Bislang wußte ich nur von den Felsenaffen. Nun trat quasi gegen den amtierenden Weltmeister eine Pub-Thekenmannschaft an. Gestandene Männer, die für gewöhnlich einer richtigen Arbeit nachgehen.

   Mein Mitleid war schnell dahin – wie beherzt kämpften diese Jungs aus dem Zwergstaat – und wie vergeblich rannten unsere geldschweren Ballkünstler gegen das Verteidigungsbollwerk an. Da es nur zu drei mit Hängen und Würgen erreichten Toren langte, halfen die Gegner, von der Darbietung peinlich berührt, mit einem Unglückstreffer aus. Ihr eigener Treffer lag mehrfach in der Luft, das Quäntchen Glück fehlte ihnen. Keine gelben Karten, man spielte fair. Die zweite Halbzeit verging in lustloser Hoffnungslosigkeit, denn die deutschen Profis brachten die wackeren Gegner nicht einmal zur Ermüdung. Eigentlich eine unverzeihliche Schmach.

   Ich hoffe, es ist noch zum Trikottausch gekommen, damit unsere Spieler von richtigen Kämpfern auch mal ein Souvenir in den Händen halten dürfen. Ich war zu meiner Pflichtsendung HEUTE SHOW vorzeitig und erlöst entkommen.


   Am Dienstag geht es gegen Spanien, es geht um nix außer der Reise ins Warme. Und die mache ich auch, parallel – Wohlfühlreise.

Donnerstag, 13. November 2014

RAUMFAHRT

Sonde auf Komet gelandet!

Na, das hat sich aber gelohnt: UNSERE Sonde ist auf einem Kometen gelandet (dieser ist für uns nahezu unaussprechlich benannt, wie ein isländischer Vulkan) – und das ganze Szenario fand in über fünfhundert Millionen Kilometern Entfernung statt. Egal, die Mission für 1,3 Milliarden ist geglückt; wie üblich traumselige Umarmungen in der Kontrollstelle, eine Landung auf einem Klumpen von vier Kilometern Durchmesser, wirklich ein Sandkorn dort draußen – diese Leistung ist sogar für mich nachvollziehbar. Besonderen Respekt habe ich vor der über elf Jahre andauernden peniblen Arbeit (auch wenn letztlich das der Verankerung dienende Harpunensystem nicht so klappte wie gedacht, man wird sich eh in hundert Jahren über dieses simple System vor Lachen ausschütten).

   Die erste bemannte Mondlandung (aus heutiger Sicht ein Katzensprung)  ist eines dieser Daten, wo man für gewöhnlich gefragt wird, wo man sich in diesem Moment aufgehalten habe. Genau kann ich nur sagen, in der Nacht zum 21. Juli 1969 war ich an keinem Fernseher, das weiß ich mit Bestimmtheit. Mein Sprung ging in den Tagen von Betzdorf nach Koblenz, Berufsleben ab 1. August.

   Der Forschungsdrang der Menschheit ist verständlich, denn gäbe es ihn nicht, wir würden wohl von Ast zu Ast hangeln und uns preisgünstiger die Köpfe mit Keulen einschlagen. Oh, genau da wollte ich ja hin: Die Kosten. Jede Mission ins All verschlingt Milliarden. Das gibt mir zu denken – der Zustand der Welt, das Leben der Menschen – und dann diese Unsummen. Sollten wir nicht zuerst unseren Planeten in Ordnung bringen und insbesondere allen Menschen ein würdiges Dasein ermöglichen - dem selbstverliehenen Titel KRONE DER SCHÖPFUNG gerecht werden? Offenbar nicht, denn die Völker wetteifern ja, wer mehr außerhalb unseres Planeten zu erreichen imstande ist, zu den Russen und Amis kommen Chinesen und Europäer hinzu, Inder und andere sind nicht weit weg. Na toll!

   Es heißt ja, man will unserer Schöpfung auf den Grund gehen – akribisch klären, woher wir kommen  (wer wir sind, kann man ja unschwer erkennen – und wo die Reise hingeht, leider auch). Die größte Frage ist doch jedem Hanswurst eindeutig anzusehen: Sind wir die einzigen? (Die Zeit drängt, wer weiß, wie lange es noch mit uns so weitergeht…)

   Der Wissenschaftsphilosoph Hoimar von Ditfurth brachte es damals auf den Punkt: Die Unendlichkeit des Weltenraums, die unvorstellbare Zahl von Planeten, ja sogar Sonnensystemen – und da maßen wir uns an, die Einzigen zu sein? Und das rumort in der Wissenschaft, die menschliche Neugier ist das ausschlaggebende Treibmittel. Voran, voran – und immer Erster sein!

   Ich stelle mir dann oft eine Landung auf einem ganz fernen Planeten vor. Die Menschlein hüpfen aus ihrer Raumsonde heraus, hampeln mit ihrer lustigen Verkleidung in Zeitlupe herum, eine Kamera filmt alles punktgenau und sendet es angerührt nach Hause zu Mutter Erde – und da: Auf einmal kommt durch die Luft eine riesige Fliegenklatsche, schlägt zu – und es bleibt nur die Momentaufnahme, als alles zerdeppert wird. Und nun wieder zig Jahre emsige Arbeit und verbissener Neuanlauf – was war das nur???


Zugabe: Oder ein monströses Wesen macht ein Selfie mit unseren Leuten, bevor es sich und den kauzigen Zweibeinern Eiswasser über die Rübe kippt (Es gibt Wasser, es gibt Wasser!!!) – aber die Übertragung endet – es löst sich alles auf …wohl doch kein Wasser gewesen.

Sonntag, 9. November 2014

NEUDEUTSCH

Teutsch, DEUTSCH, Neudeutsch

(sprachliche Wirrnis, ein Faß ohne Boden)

Daß ich mich in diesem Gebiet wiederhole, geschieht zwangsläufig, vor allem, wenn es um Eigenheiten geht, die nicht MEINEM Deutsch entsprechen. Ich darf das – bei mir. Hier. Aber nun die neueste Nachricht: Auf Dauer kann man sich nicht gegenüber Allem sperren, lebendige Sprache setzt Veränderbarkeit voraus. Wandel der Zeit – aber eben nicht grenzenlos, nicht mit mir (z. B. dem wunderschönen deutschen „ß“ gebührt bei mir genügend Raum, nach wie vor –niemals käme man in anderen Ländern auch nur auf den Gedanken, die ihnen eigenen Sonderzeichen anzutasten). Und schon gar nicht nach „Diktatur“ einer vergleichbar ominösen DUDEN-Redaktion, die bei uns seinerzeit schon beispielsweise zu verklickern probierte, zwischen dasselbe und das Gleiche bestehe kein Unterschied mehr. Anmaßende Willkür. Von der unsäglichen Reform will ich gar nicht wieder anfangen. Weitestgehend völlig realitätsfern! Andererseits hat es sich durch Volkes Kraft eingebürgert (sogar auf professioneller Ebene vernehme ich es seit geraumer Zeit): dieses vermaledeite ‚Es macht Sinn‘ (kein Kraut ist mehr dagegen gewachsen, es muß Sinn haben – interessiert kaum noch einen – wir von der mickrigen Opposition, die erbittert dagegen halten, wir stehen auf verlorenem Posten. Volksentscheid sozusagen. Es ist sinnlos geworden, dagegen zu Felde zu ziehen. Es HAT einfach keinen Sinn mehr (ja, das mußte jetzt sein; ein klägliches, letztes Aufbäumen).

   Es gibt fragwürdige Tendenzen im allgemeinen Sprachgebrauch, nur mal als Beispiele die Verkürzungen und Aufblähungen. Ersteres diese unsäglichen Tschuldigung, Tach  und besonders schrecklich: sone – gruselig. Kaum noch abzuwenden: Anerkennung! Glückwunsch! Gratulation! Oder das kreuzdämliche Grüß dich!“ (warum sollte ich?) Das ist wirklich ein Spiegel des Zeitgeistes und beweist die grassierende Beschränktheit. Bei Lieb dich! - übrigens eine interessante Befehlsform (ist aber nicht als Aufforderung, sich dem Eigen-Petting hinzugeben, aufzufassen) – hier scheint für mich in der Verkürzung  eine zweckbestimmte absichernde Unverbindlichkeit enthalten  („Ich? Wieso? Ich soll dir gesagt haben, ich würde dich lieben?“) - es ist die Rücktritts-Garantie vorsorglich eingearbeitet! Auf jeden Fall: absolut zeitgemäß, soviel ist gewiß.

   Geschmackssache: die beliebteste aller „rhetorischen Fragen“ – WIE GEHT’S? (How are you?, Ca va? Qué tal?) – und wie international üblich – die Antwort interessiert überhaupt nicht, im Gegenteil, Positives wird unhinterfragt vorausgesetzt, stets zu Gesprächszwecken floskelhaft gekontert („Alles Klärchen“ und solches Zeug). Also, ich frage es zumeist nicht, weil es mich als überzeugten Einzelgänger nicht ernsthaft interessiert – frage ich es jedoch, dann möchte ich auch wirklich Genaueres wissen – aber es ist und bleibt ein Kampf gegen Windmühlen. Eine ernsthafte Frage, zur Floskel international verkommen.

    Ich erinnere (wen denn? Ach Dich selber – dann sag es doch, Mensch!) – das reißt immer mehr ein. Oder: Jemand wird angefragt (sehr gewöhnungsbedürftig für mich). Das Nachstellen von pur (das ist Aufregung  pur) – der reine Blödsinn, aber beliebt, das muß ich zugestehen. „Mega beliebt“, sozusagen. Na – und erst die JA-Sager-Seuche, da greift ein Bazillus gnadenlos um sich und erfaßt den willfährige Laber-Mob (früher, ja früher! sagte das …ja, niemand).

   Ausweitungen haben wir als modernen Sprachballast gerne zur Bekräftigung: Supergau, vorprogrammieren, Rückantwort, Verständnisfrage, nachfolgen, herbeiprovozieren, auseinanderdividieren, Okaaay, ja, so ist das…ja, heute. Für mich nicht weit weg vom berühmten WEISSEN SCHIMMEL. Aufblähen mit diffusen Anhängseln - persönliche Reizbereiche für mich. Trübe, derbe – das ist wie SONE vergleichbar schrecklich. „Sone Männer kenne ich“, „Das ist aber ganz schön derbe von Dir“ – kann ich nur bestätigen! SOLCHE MÄNNER, DAS IST DERB. Meine Güte. Alles wohl die sogenannte „Neu-Sprech“ …SPRECH! (da steht doch schon unverkennbar SPEACH Pate, meine ich). Haste noch Worte, außer SPRACHE. Leider ja, hat man. Kein Ende in Sicht, bei der Schöpfung neuer Blödsinnigkeiten.

   Mit dem inflationär gebrauchten geil lebe ich schon länger, auch mit cool, ein Hammer – nicht mehr wegzudenken. Nur eine Frage der Zeit, und die richtigen Schwachmaten-Parolen werden Gemeingebrauch: „Yo Mann, Alter - was geht ab?“ Bäääh. Hier scheiden sich die Geister, wahrhaftig. Für mich grenzt es an mutwillige Gehör-Verletzung.

   Dann der Bereich der Verschleierung – da wird auf einmal auf FEIN gemacht mittels „Softmacher“, nur nicht raus mit der Sprache: bildungsfern (für ungebildet), minderbemittelt (blöd, und nicht blöde!),  fixieren (klingt nicht so fesselnd), adipös (fett), erfrischend originell (unberechenbar bis unheimlich). Ist es sowas wie „das Beste draus machen, die positive Seite abgewinnen“? Und jetzt gerade hochaktuell: Steuerneutralität (Steuern zahlen? Nö!) oder noch besser: Steuervermeider (kuschelig für den kriminellen Steuerhinterzieher).

Und nun zu den Schmankerln, „Au-weia-Erlebnisse“ aus den „real existierenden“ NACHRICHTEN der letzten Tage, also hochaktuell unter der Woche (wie ich auf  „Neudeutsch“ immer häufiger hören muß):

   „Den Namen erinnern Sie noch?“ (für: Erinnern Sie sich noch an den Namen?)

„Es ist hier neun Grad kalt“  (laut Meteorologie wäre kühl richtig, da über der Frostgrenze; ach so, hier im Westerwald völlig daneben, da 9 Grad  nur als WARM beschrieben werden können, eindeutig).

„Der Ebola-Patient ist in Deutschland verstorben, aber Entwarnung: scheinbar hat sich niemand angesteckt.“ Das soll eine „Entwarnung“ sein – bei anscheinend wäre ich beruhigt, aber bei scheinbar … (soviel zur fachlichen Qualität einer zeitgeistigen Journalistin).

„Er macht nun häufiger Liegestützen.“ Was, verdammt, soll da das N??? (Es ist die Rede von Liegestützen, aber in der normalen Mehrzahl sind es immer noch DIE LIEGESTÜTZE!) – Nur bei beugender Abwandlung, zum Beispiel  im „Fünften Fall Rolle rückwärts“ das N bitte! Das „gehört so“.

„Es wird von einer Millionen Opfern ausgegangen.“ (Und da bin ich noch nicht dabei, rechne mich aber gerne dazu bei einer so tollkühnen Mehrzahl).

„Er benutzt seine Krücken, als wären es Beine.“  (DIE Krücken, also „sie“). Tja, das Mädchen, sie schaut so traurig drein. Verstehe ich gut. Aber für meinen Geschmack empfindet es die Volksseele …richtig. Ja wirklich. ES ist traurig.

„Auf den Tag genau ist es zehn Jahren her.“ (das Jahr, die Jahre – es ist von Jahren die Rede  - die gleiche Chose, aber nicht dieselbe).

„Ich bin bis zuletzt im Wahlkampf, anders wie meine Konkurrenten!“  (Lieber Gott, laß diesen Ministerpräsidenten nicht ins Kultusfach absteigen „als“ andere.

…weil es einer der wenigen öffentlichen Orte waren …( über eine Bilder-Ausstellung in KULTURZEIT, wirklich wahr!)  - der Bundespräsident hat einen gleichlautenden Klopper IM LAUFE DIESER WOCHE gelandet, bei Live-Antworten, das kann passieren. Sei es drum, auf ihm wird schon genug herumgehackt). Solange er nicht lauter Überbrücks-Jas vom Stapel läßt.

„Das Ehepaar war mit ihrem PKW unterwegs.“ (Mit wessen? Wer ist die Unbekannte?)

„Die Radler traten heftig in die Pedalen!“ (wohl zuviel Radler intus, wen schert da schon eine richtige Mehrzahl?)

„Ich sehe viele Läufer wie er.“ (Ohne Worte) – oder doch: Hier steht IHN wohl neben sich. „Verona“-Deutsch.

„Der Polizeipräsident Koblenz meinte es so.“ (Und er heißt nicht Koblenz, ich weiß es, ich habe mit vier Typen leben müssen, alle hießen anders, aber der Bereich Koblenz ist Zuständigkeitsbereich geblieben, FÜR den er einzutreten hatte, VON dem er kam, der Behördenleiter). Liebes Innenministerium: die Behörde ist das Polizeipräsidium, diese Neubenennung DER POLIZEIPRÄSIDENT (unter Beifügung des Ortsnamens) – das ist für die Bevölkerung nicht nur irreführend, es ist auch an sich blödsinnig!

  Was mir fehlt, ist eine Ergänzung zu dem Wort Qualität  (hat GÜTE abgelöst, das Wort wankt auch in der psychologischen Bedeutung). Qualität hat für mich einen positiven Beigeschmack, denn  „die Foltermethoden haben eine ganz neue Qualität erreicht“ – für mich klingt das schon zynisch, irgendwie abartig.

  Und dann seit Jahr und Tag die „Kärcher“-Sprache: immerzu wird „in die Kassen gespült, unter Hochdruck gearbeitet“. Nervig finde ich das, öd und abgedroschen.

   Aussterben wird das Wort „vermutlich“ – wenn ich Sportmeldungen vernehme, es gibt nur noch vermeintlich. Das ist beklagenswert. Sie raffen es fast alle nicht, daß vermeintlich nur irrtümlich angenommen wird.

   Immerzu ist alles heute spannend  (keine Sau redet noch von aufregend oder erregend). Interessant ist was anderes. Langweilig, wenn alles spannend ist. Immer ist alles sogleich waaahnsinnig (und sie haben keinen Schimmer, was sie da sagen). Aus einem Krankheitsbild wird ein Spaß.

Also, am besten alles mit Humor ertragen: „Umgangssprache wird ja sehr oft gesprochen, im Alltag ist sie irgendwie, ja, auf dem Vormarsch, irgendwie  – geschrieben sieht das optisch nicht so prickelnd aus. Von der Emotion her habe ich aber ein gutes Gefühl, okaaay. Ja, nun bin ich ganz, ja, unter uns.“ Voll krass modern, oder wie?  Und wenn ich mich umhöre - keine Unterhaltung mehr ohne dramatische Ausrufe wie:
Wie geil ist das denn?/ Nicht wirklich / Mach Dir keinen Kopf / Das geht gaaar nicht  …dann lieber Kurzformen wie isso, nix und mach hinne.

Das vereinnahmt uns alle früher oder später im Rahmen von NEUDEUTSCH, es MACHT SINN (in Gottes Namen). Und dieses Neudeutsch besteht ja weitgehend aus armseligem Nachäffen, was man so daherschwätzt. Das ist wie früher die Floskeln: Kein Geringerer als, meine Wenigkeit, die Seele baumeln lassen, den Traum leben, er läßt es sich nicht nehmen, und so weiter – nur der Überdruß heilt uns auf Dauer davon. Irgendwann sind diese Phrasen ausgelutscht und vergehen von allein. Nur früher war es halt …besser. Es war nicht so platt, es gab noch  einen Hauch von „Anspruch“. Roundabout, das ist stilvolle Dämlichkeit aus der Manager- und Bonzenwelt (zirka, rund, ungefähr – es gibt genug Begriffe, aber nein …der Dämlichkeit wird kein Ende zuteil).

   Man muß nicht alles machen, was man kann – und man muß auch nicht alles mitreden, bloß weil es üblich ist und modern, es zu sagen.


   Und das stimmt mich letztlich hoffnungsfroh. Ja doch, der Gedanke hat Sinn.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

MASKOTTCHEN

Das Maskottchen bin ich


Alle denken, ich sei ein Mann, ein sportlicher Junge, aber ich heiße Nicole. Bei meiner Zweitarbeit, na, eher ein Job, sieht mich niemand wirklich, also nicht mich persönlich – man sieht das samtige bunte Wuschelfell, die Riesenohren, eine knuffige Nase und die üblichen Vier-Finger-Patsche-Pfoten, mit denen ich ständig zu jubilieren habe. Gerade das nimmermüde Herumhüpfen schlaucht – wenn ich nach drei Stunden schweißgebadet aus der Maskerade herauskrieche, dann bin ich rechtschaffen am Boden zerstört. Wieder ein „Event“ abgearbeitet.

   Das angeblich Glück-bringende Stummelschwänzchen ist nicht nur Ziel der Kinder, das ginge ja noch, nein, je besoffener, desto roher der Zugriff der Krakeeler, Ich kann ihnen nicht immer ausweichen, dafür ist meine Maskerade zu groß und ungelenk. Sie finden mich immer, ohne mich zu suchen. Aber schnell rattert es in ihnen, „Da ist ja Wuschel-Dussel!“ - na, dem wird aber rubbeldiekatz das Schwänzchen gehalten!

   Wir kommen dabei oft zusammen zu Fall: Dann werden diese Sich-hervor-Tuer oft ausfallend, manche treten mich. Ich habe große Mühe, wieder auf die großflächigen Taps-Plotschen zu kommen, aber die Übung macht es, vor allem, wenn ich spüre, gleich gibt es wieder Tritte und Watschen gegen meinen Strahle-Grinse-Kopf.  

   Wenn sie dann das Maul laufen lassen, „Drecks- Eierbär“ und sowas rufen, dann geht es noch. Neulich schrieb einer in einem Leserbrief von MasKOTchen, genau so, damit das ganze als Scheiß abgehandelt werden sollte. Auf einmal mußte ich um meinen kläglichen Zuverdienst bangen.

   Aber es gibt auch diese anderen Momente, wenn Frauen gerührt den Kopf seitlich kippen, weil nach längerem Zureden das Kind schließlich doch den Mut aufbringt, mir befangen freundlich die Hand zu reichen. Dann mache ich ein paar hopsende Faxen und viele schauen glücklich. Auch gute Familienväter führen ihre Brut behutsam an mich heran, das gibt es noch trotz allem. Keiner kennt das Innenleben von „Wuschel-Dussel“. Von mir sieht man nur durch ein winziges Fensterchen indirekt einen Ausschnitt der Augenpartie. Leider ist mein Ausblick auch dementsprechend begrenzt. Von hinten werde ich oft erschreckt.

   Bei meiner eigentlichen Arbeit, wenn ich Sportgeräte herausgebe (die Leute haben den entsprechenden Chip von der Kasse in der Hand, ich sehe also, was sie wollen), erkennt mich ja im Grunde genommen auch niemand, dann bin ich ganz offen die wenig attraktive Nicole, die auch hier herum geschubst wird. Damit komme ich dennoch klar. Und das ist auch Routine geworden, ich brauche nämlich nicht zu fragen Womit kann ich dienen, Was darf es sein oder Noch etwas bitte? Und genau das, UND NUR DAS, war mir wichtig. Gold verdiene ich nicht damit. „Nie Kohle“, wie mal ein sogenannter Freund über meinen Namen witzelte.


   Allein der Gedanke, an Tische zu gehen, servil die Wünsche zu erfragen, jedem Drecksack zu Diensten zu stehen, das wäre nicht meine Welt. Ich finde, ich habe das kleinere Übel gewählt. Ich kann nicht klagen. Alle denken, ich sei männlich.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Der weiße Clown

Menschen unter uns (2)

Der weiße Clown

Oder auch Weißclown – egal: DEN habe ich schon als Kind gehaßt, eigentlich hat er mich die Wut gelehrt, dieser arrogante Fatzke! Klassische Figur hin oder her.

   Ich saß rotwangig auf der Holzpritsche, ließ Akrobaten und entwürdigende Tiernummern über mich ergehen und wartete – auf die Clowns. Und dann endlich, die langersehnten Spaßmacher, da waren sie: mit großem Gedöns kamen sie in die Manege, vorne weg der überhebliche selbstherrliche Chef der Gruppe, mit weißem Gesicht. Hinter ihm zwei flapsige Schussel, ergötzliche Tollpatsche, lebensfroh und naiv hatten sie dem Boss auf den Leim zu gehen. Wie habe ich ihn verachtet, wenn er die liebenswerten Trottel in den Hinterhalt lockte, seine gemeinen Späße auf ihre Kosten vollführte. Nach Lust und Laune beherrschte dieser höhnische Fiesling die gutgläubigen Dussel. Mein Herz blutete für die mit riesig langen Schuhen herum watschelnden Rotnasen in monströsen Hosen. Eiskalt berechnend nutzte er sie in ihrer Begeisterungs-Bereitschaft sträflich aus. Ich hätte ins Sägemehl flitzen mögen und diesem Drecksack ans Schienbein treten. Aber sie ließen sich von ihm nicht unterkriegen. Erst im Laufe der Darbietung rächte es sich, so auf andere herab zu blicken, sie stellten ihm irgendwann ein Bein, und darauf wartete ich. Es gab letztendlich Gerechtigkeit!

   Und sowas prägt. Wenn mir in späteren Jahren auf der Geschäftsstraße bemühte Pantomime-Schüler begegneten, sich an der endlos nervigen „ich bin von einer Glasscheibe eingesperrt“ –Nummer verausgabten, dann läuft mir bis heute so ein Peinlichkeitsschauer den Rücken runter. Sie sind im Grunde genommen nicht verkehrt, aber das weiße Gesicht reicht schon, mich innerlich aufmucken zu lassen, auch wenn sie angenehm schweigen (ich wünschte früher dann immer statt des Glases eine echte Mauer herbei, so mit dicken grauen Steinen und so). Geschenkt. Die ganze Mischpoke der weißen Fratzen nervt mich unausgesetzt.

   Eine Arbeitskollegin liebte den Harlekin, das Motiv beherrschte ihr ganzes Büro, vollgepfropft mit unzähligem Nippes – na gut, der traurige Clown, ein gutes Motiv, das Herz malträtierend mit seiner Fiedel – aber leider mit weißen Gesicht. Schon kommt es mir wieder hoch. Die Erbschuld sitzt tief.


   All das Gebaren geht wohl auf den klassischen Pierrot zurück, von mir aus. Ja, in Frankreich war er als herrisch und unsympathisch kreiert, na also. Dann die unterschiedlichen Abwandlungen, bis ins mitleiderregend Tragische hinein. Das ganze Gewese um diese Figur läßt mich kalt: Ich mag keine gekalkten Masken, bitte kein weißes Gesicht!